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Serien-Autor Frank Spotnitz:"Es geht nicht mehr darum, wie viele Menschen eine einzelne Serie schauen"

Haben einige traditionelle Fernsehsender deshalb verzichtet?

Das kann ich nicht beurteilen - aber ich bin heilfroh, dass wir beim Streamingportal von Amazon gelandet sind. Wir hätten ansonsten einerseits nicht so viel Geld für die Umsetzung bekommen, andererseits hätten wir die Geschichte sicherlich nicht so erzählen können, wenn sie auf einem Fernsehsender laufen würde.

Sie hätten den Zuschauer in jeder Folge dazu verführen müssen, in der folgenden Woche wieder einzuschalten ...

Wir hätten sie völlig anders konzipieren müssen. Bei einer Fernsehserie gibt es einen dramaturgischen Motor, der in jeder Woche leicht verändert wird - das Grundkonzept bleibt jedoch gleich. Auf Streamingportalen ist es möglich, eine Geschichte behutsamer zu erzählen und den Figuren auf ihrem Weg zu folgen. Natürlich ist das auch gefährlicher.

Inwiefern?

Es ist ein anderes Genre - weil man es als Zehn-Stunden-Film betrachten kann. Mir ist jedoch noch immer wichtig, dass jedes Kapitel einen Abschluss hat und den Zuschauer zum Weiterschauen verführt.

Die Serie war Teil des Pilot-Programms von Amazon, vereinfacht ausgedrückt war es so: Die Zuschauer haben die ersten beiden Folgen von Serien gesehen und danach abgestimmt, welche sie weiterhin sehen wollen. Wie fanden Sie das?

Es war großartig - aber nur deshalb, weil den Leuten unser Projekt gefallen hat (lacht). In Wahrheit war ich ziemlich nervös: Wenn du scheiterst, dann scheiterst du in aller Öffentlichkeit. Bei Fernsehserien findet das Scheitern üblicherweise hinter den Kulissen statt, niemand bekommt etwas davon mit. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass auch Erfolg in aller Öffentlichkeit stattfindet - plötzlich wollten Schauspieler, Produzenten und Autoren mit uns arbeiten, weil sie wussten, dass den Zuschauern die ersten beiden Folgen gefallen hatten.

Sollte es nicht immer so sein: Der Zuschauer bestimmt, was erfolgreich ist?

Im amerikanischen Fernsehen ist es doch seit jeher so: Eine Serie muss finanziell erfolgreich sein. Wenn es künstlerisch wertvoll ist, dann ist das die Glasur auf dem Kuchen - doch erst einmal muss der Kuchen satt machen. In Europa, gerade in England, ist es eher umgekehrt: Erst muss es gut sein, dann soll es auch noch erfolgreich sein. Mittlerweile ist, aufgrund von Pay-TV-Sendern wie HBO oder Streamingportalen wie Netflix, in den USA ein Umdenken zu erkennen: Es gibt Serien, die laufen nur deshalb, weil sie großartig sind. Es geht nicht mehr darum, wie viele Menschen eine einzelne Serie schauen.

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Akte X, Gilmore Girls oder Twin Peaks: Warum werden gerade so viele Serien künstlich belebt? Hohe Quoten sind nicht der einzige Grund.   Von Jürgen Schmieder

Bei traditionellen Fernsehsendern gilt das schon noch. Es gibt derzeit ein Revival einst erfolgreicher Formate: "Akte X", "Prison Break", "Star Trek".

Es gibt ein kommerzielles Bedürfnis, diese Serien zurückzuholen - weil die Zuschauerzahlen stark rückläufig sind. Diese Titel sind das Kapital der Sender, weil die Zuschauer diese Serien und die Figuren kennen. Es ist viel schwieriger, eine neue Idee umzusetzen und darin einen Hit zu finden. Aus kommerzieller Sicht macht es also Sinn, diese bekannten Serien wiederzubeleben. Die Schwierigkeit dürfte darin bestehen, diese Projekte auch inhaltlich erfolgreich werden zu lassen. Die Frage bleibt: Gibt es einen künstlerischen Grund, diese Serien wieder aufzulegen? Bei Akte X kann ich sagen: Ja, den gibt es - es wird großartig werden.

Das müssen Sie jetzt sagen, auch wenn Sie am aktuellen Projekt nicht beteiligt sind. Sie haben einst die Alien-Mythologie mit erfunden und das Drehbuch zum ersten Film verfasst.

Ich habe keinen Zweifel, dass diese Serie auch heute noch relevant sein kann. Es ist einfach die perfekte Idee für eine Fernsehserie: Ein Gläubiger trifft auf einen Skeptiker, es geht um all die Dinge, die wir an unserem Universum nicht verstehen - und davon gibt es auch heute noch unzählige. Die Idee ist perfekt, die Frage ist nur: Wie gut wird diese Idee umgesetzt?

Wie viele Shows werden nur erneuert, um Geld zu machen?

Das amerikanische System ist darauf ausgelegt, Geld einzuspielen. So bin ich auch aufgewachsen: Ein Projekt macht nur dann Sinn, wenn es kommerziell erfolgreich ist - ansonsten lohnt es sich nicht, es überhaupt zu versuchen. Das muss einem nicht peinlich sein. Natürlich sind all diese Entscheidungen finanziell motiviert - aber es ist die Aufgabe der Autoren, diese Projekte auch künstlerisch erfolgreich werden zu lassen.

Sie hatten nun keine Zeit für "Akte X". Würden Sie jemals wieder mitmachen?

Wenn mich jemand fragt: Sofort! Ich liebe diese Sendung.