Serie: Wozu noch Journalismus?:Heimlich von Unternehmen ausstaffieren

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Auch lassen einige Unternehmen Wirtschaftsjournalisten die Reden für die Hauptversammlung schreiben, über die dann dieselben Journalisten berichten sollen. Gern auch geben Redakteure gestandenen Managern auf Seminaren Tipps, wie sich diese gegen Redakteure wehren können. Redaktionelle Beiträge entpuppen sich nicht selten als pure Werbung, die vom Hersteller oder vom Medium bezahlt werden. Wer Produkte der Pharma-Industrie in der Yellow Press bejubelt, kann manchmal mit fünfstelligen Zusatzhonoraren rechnen.

Guter Journalismus ist teuer. Wer einem freien Journalisten, der von Aufträgen lebt, für eine größere Geschichte 150 Euro zahlt, darf sich nicht wundern, wenn der Kollege manchmal sehr frei ist und sich auch heimlich von Unternehmen ausstaffieren lässt. Korruption kann im doppelten Wortsinn systemimmanent sein.

Kühl und scharf analysieren

Also: Wozu eigentlich noch Journalismus?

Deshalb:

Weil einer gelernt hat, genau hinzuschauen, genau hinzuhören, um im scheinbar Unwesentlichen auch das Wesentliche aufspüren zu können.

Weil ein guter Reporter so viel Distanz zu sich hat, dass er sein erster kritischer Leser ist.

Weil einer die Fähigkeit hat, Sachverhalte kühl und scharf zugleich zu analysieren und in seiner Meinung unbestechlich zu sein.

Weil Exekutive, Legislative und Justiz nicht selten versagen und eine vierte Macht dann in die Bresche springen muss, wenn die drei Gewalten versagen.

Weil die in modischen Büchern beschriebene "Weisheit der Vielen" oft nur die Versammlung von Vorurteilen ist und weil ein Außenstehender dann Leuchtturm sein kann. Ein Leuchtturm ist ja auch in den allermeisten Fällen nicht das Ziel des Seefahrers, sondern soll ihm helfen, den Weg zu finden.

Weil das Internet eine Kommunikationsrevolution ausgelöst hat, die als Begleitung Sachverstand und Professionalität braucht.

Weil Datenfülle und Datenverarbeitung in ein vernünftiges Verhältnis gebracht werden müssen.

Weil es weiterhin ein Bedürfnis nach Orientierung gibt.

Weil Journalismus mehr ist als eine Abfolge von Moden dahinwogender Oberflächlichkeit.

Weil Journalismus Service ist.

Weil Journalismus nicht nur ein Geschäft ist.

Hans Leyendecker, 60, leitet das Ressort "Investigative Recherche" bei der Süddeutschen Zeitung. Zuvor war er von 1979 bis 1997 für den Spiegel tätig und deckte unter anderem die Flick-Affäre auf. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis und den Erich-Fromm-Preis.

Im Herbst 2010 erscheint das Buch "Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert" im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

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