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Serie: Wozu noch Journalismus? (17):Schreckgeweitete Augen

Globalesisch statt Deutsch: Journalisten sind vernarrt in die Apokalypse - jetzt spielt die Apokalypse mit ihnen.

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. In dieser Folge beschreibt Frank A. Meyer, worauf sich Journalisten konzentrieren müssen.

Frank A. Meyer, Foto: oh

Intellektuell und emotional - so funktioniert Journalismus, findet Frank A. Meyer.

(Foto: Foto: oh)

Worüber reden wir am liebsten? Am liebsten reden wir über unsere Befindlichkeit. Denn wir fühlen uns bedroht: vom newsroom, von online, von free content - vor allem reden wir in letzter Zeit über Dinge, die nichts zu tun haben mit dem guten alten Journalismus. Und wo reden wir? Auf workshops, an panels, bei brain stormings: über die Zukunft unseres Metiers - über die Krise unseres Metiers.

Medienwissenschaftler haben sich unseres Berufs bemächtigt. Wahlweise verkünden sie den fundamentalen Umbruch oder das nahe Ende der gedruckten Zeitung. Wir gucken ihnen mit schreckgeweiteten Augen in die professoralen Nasenlöcher - und glauben, was sie sagen. Journalisten sind vernarrt in die Apokalypse, spielen am liebsten täglich, stündlich mit ihr, vom Klimawandel über den Tsunami bis zur Schweinegrippe. Jetzt spielt die Apokalypse mit uns.

Es ist ja wahr, vieles mussten wir über uns ergehen lassen: Wie in der globalen Wirklichkeit hat die Finanzwirtschaft in den Verlagen die Macht über die Realwirtschaft errungen. Und genau wie in der globalen Wirklichkeit trieb die Finanzwirtschaft auch in den Verlagen die Rendite hoch und beschädigte die Realwirtschaft: den Journalismus.

Rollkoffer-Kommandos

Wir haben die Rollkoffer-Kommandos der controller und consultants über uns ergehen lassen müssen, die anhand von flipcharts, overhead projections und PowerPoint presentations erläuterten, dass wir content for people zu produzieren hätten, der aber per page noch zu teuer sei, weshalb ein relaunch unumgänglich werde. Die Sendboten der neuen Zeit, ausgebildet in Boston und St. Gallen, lizenziert in ökonomischem Obskurantismus, predigten uns die Heiligkeit des consumers.

Diese executives der neuen Macht - in ihrer Menschenferne zu besichtigen im Film Up in the Air mit George Clooney - haben uns per powertalk auch noch unserer Sprache beraubt: Deutsch. Sprachlos geworden, haben wir kapituliert. Ja, jetzt reden auch wir Globalesisch. Macht sich gut auf jeder session, bei jeder convention, die unseren Untergang zum Thema hat. Schließlich sind wir in einem Punkt noch immer Journalisten der guten alten Art: Uns imponiert stets am meisten, was gerade mainstream ist. Doch lehrt uns die allerjüngste Vergangenheit auch: Wer sich in den mainstream verguckt, dem fehlt der Blick für das, was wirklich geschieht.

"It's the journalism, stupid!"

Die Finanzwirtschaft hat es vorgemacht. Müssen wir es nachmachen? Nein. Denn es geht um etwas, wovon wir eigentlich schon mal gehört haben sollten: Es geht um Journalismus. Oder, zum besseren Verständnis, auf Globalesisch und frei nach Bill Clinton: "It's the journalism, stupid!".

Nur - was ist das: Journalismus? Es ist die Kultur der Sprache, der wir leidenschaftlich dienen. Es ist der Glaube an die Kraft der Sprache als Alpha und Omega unseres Berufs. Freilich nicht Sprache als Verpackung, nicht Sprache um der Sprache willen, sondern Sprache um der Klärung willen. Der Begriff Aufklärung allerdings gilt nicht mehr als zeitgemäß.