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Serie: Wozu noch Journalismus? (16):Schlechtes Gefühl im Bauch

Die Kollegen saßen manchmal wochenlang an einem einzigen Artikel - okay, einige von ihnen waren einfach nur lahme Enten, aber bei den meisten spürte man, was gute Arbeitsbedingungen ausmachen, auch bei dem Produkt "Text".

Es ist nicht um jede Zeitung schade

Ich erzähle das, um klarzumachen, dass "Journalismus" ein ebenso schwammiger Begriff ist wie "Literatur". Literatur kann klischeehaft und billig sein, Literatur kann so sein, dass sie einigen Lesern nie wieder aus dem Kopf geht. Beim Journalismus ist es ähnlich. Wenn jetzt über die Zukunft des Printjournalismus diskutiert wird, der vom Internet bedroht wird, weil ganze Anzeigenmärkte für immer verschwinden und weil im Netz fast alles kostenlos zu haben ist, dann denke ich, dass es nicht um jede Zeitung schade ist.

Ich sage das mit einem schlechten Gefühl im Bauch, weil ich einige Kollegen vor mir sehe, die ich damals kannte, die ihren Beruf liebten, die aus den miesen Bedingungen Tag für Tag das Beste herausholten, die unter besseren Bedingungen sehr gut gewesen wären und von denen einige ziemlich jung an ihrem Knochenjob gestorben sind, wie Bergleute oder Chemiearbeiter. Verrate ich sie?

Zwei potentielle Zensurinstanzen

Es gibt das Phänomen der deutschen Regionalzeitung, die in ihrem Verbreitungsgebiet ein Monopol hatte und jahrzehntelang gut verdiente, dabei Honorare zahlte, die gerade mal zum Überleben reichten, und die jedem Konflikt mit den Mächtigen aus dem Weg ging (ich sage nicht, dass alle Regionalzeitungen so sind).

Überall im deutschen Journalismus, wahrscheinlich auch im Fernsehen, gibt es zwei potentielle Zensurinstanzen. Die erste Instanz sind die Werbekunden, ohne die es keine Zeitungen geben kann, und mit denen man sich, verständlicherweise, nicht gerne anlegt. Die zweite Instanz sind die Chefredakteure und Verleger, die alle Freunde haben, in dem einen oder anderen Honoratiorenkreis verkehren und, verständlicherweise, ihre Ruhe haben möchten (die einen mehr, die anderen weniger).

Zeitungen haben eine gesellschaftliche Funktion, sie müssen eine Plattform auch für unangenehme Meinungen und für unangenehme Nachrichten sein, gleichzeitig sind sie gewinnorientierte Unternehmen. Das ist der unauflösbare, unvermeidliche Widerspruch, in dem sie sich bewegen und täglich Kompromisse suchen. "Unvermeidlich" ist dieser Widerspruch, weil eine private Presse, trotz allem, immer freier sein wird als eine staatlich gelenkte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum es kein Monopol auf öffentliche Äußerungen gibt.