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Serie: Wozu noch Journalismus? (16):Mut und Harakiri

Journalisten arbeiten zu viel und meistens nicht gut genug. Das Internet macht alles nur noch schlimmer. Und damit steht es schlecht um deutsche Regionalzeitungen.

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. In dieser Folge beschreibt Harald Martenstein die Abwärtsspirale im Journalismus.

Harald Martenstein

Zeitung als Plattform für unangenehme Meinungen - Harald Martenstein.

(Foto: Foto: Susanne Schleyer/oh)

Als ich anfing, mit 19, schrieb ich für eine kleine Lokalzeitung in einer mittelgroßen Stadt. Ich war Lokalreporter und bekam 20 Pfennig pro Zeile, was auch für damalige Verhältnisse wenig war, und rockte am Tag manchmal sechs oder sieben Termine herunter. Zum Nachdenken hatte ich, ehrlich gesagt, keine Zeit. Am Monatsende hatte ich 800 oder auch mal 1200 Mark verdient.

Ich konnte es mir nicht leisten, groß zu recherchieren, ich ging zu Terminen, ließ mir von den Veranstaltern etwas erzählen und gab das dann wieder. Wichtig war eigentlich nur, dass die Namen richtig geschrieben waren und dass kein Anzeigenkunde oder gar Freund des Chefredakteurs sich beschwerte.

Ein einziger Text am Tag

Später schrieb ich für eine große Regionalzeitung. Das war schon besser. Manchmal konnte ich mir den Luxus leisten, an einem Tag nur einen einzigen Text zu schreiben. Ich durfte - manchmal - so lange an einem Artikel herumtüfteln, bis er mir gefiel.

Parallel dazu redigierte ich eine Seite, und zwar täglich. Wenn ich Urlaub machte, musste ich meine Seite vorher gut vorbereiten, damit ein Kollege aus einem anderen Ressort, der von meiner Seite nur eine schwache Ahnung hatte, halbwegs zurechtkam.

Als ich, relativ spät im Leben, für Blätter wie Geo oder die Zeit zu arbeiten begann, lernte ich eine völlig andere Art von Journalismus kennen. Geo schickte mich wochenlang auf Reisen, ich wohnte in Mittelklassehotels, nicht mehr im billigsten Haus am Platz, und wenn ich das Gefühl hatte, dass ich zwei oder drei zusätzliche Tage für meine Recherche brauchte, dann war das kein Problem.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Rolle Werbekunden und Verleger im Journalismus spielen.