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Serie: Wozu noch Journalismus? (1):Journalismus als Tabubrecher

Sterbenskranke beschreiben in den Medien ihren psychischen Ausnahmezustand. Sie verstecken ihre von Chemotherapie gezeichneten Körper nicht länger unter Make-up und Perücken. Für sie ist die Veröffentlichung des Intimen nicht Tyrannei, sondern Befreiung. Mit dem bewussten Bruch der Intimität rütteln sie auf, brechen das Beschweigen ihrer tödlichen Krankheit. Mit Hilfe der Medien befreien sie sich aus dem Kerker der sozialen Isolation.

Wozu Journalismus? Journalismus muss Tabubrecher sein. Er verlässt die sichere Distanz und wendet sich menschlichen Schicksalen zu. So ermöglicht er Miterleiden und Miterleben und schafft Empathie.

Aufklärung ist keine Buchstabenfrage. Auch Emotionen können Argumente sein. Nach dem Amoklauf von Winnenden veröffentlichten Eltern Fotos ihrer ermordeten Kindern, um den Opfern der Gewalt "ein Gesicht zu geben". Mit diesen hochemotionalen Bildern setzten sie sich für eine Verschärfung des Waffenrechts ein. Ihr Schicksal verlieh ihnen Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, die kein noch so beredter Volksvertreter je erreichen kann.

Verdrängungsapostel herausfordern

Was angesichts eines Bilderverbots von Schlachtfeldern und Naturkatastrophen als Achtung vor der Intimsphäre oder als Schutzbedürfnis der Betroffenen ins Feld geführt wird, dient häufig dazu, dem Medienkonsumenten den Blick in eine immer ungemütlicher werdende Welt zu blockieren. Dagegen steht das journalistische Ethos, dass um die Würde des Menschen zu wahren, auch seine Entwürdigung gezeigt werden muss - wie mit den Bildsequenzen von der sterbenden Neda Agha-Soltan in Iran oder mit den Fotos der zwischen Betontrümmern eingeklemmten Kinder von Port-au-Prince.

Wozu Journalismus? Weil Journalisten Wahrheitsfanatiker sind.

Sie fordern die Verdrängungsapostel heraus, die verschont bleiben möchten von Fotos misshandelter Kinder, die nicht die Opfer des Amoklaufs sehen wollen, sondern nur die Trauerfeier, auf der ein Pastor besinnliche Worte spricht und die Trauergäste bis auf ein paar von der Kamera ausgesparte Tränen die Fassung bewahren.

Medien sind Welterklärer

Wozu Journalismus? Weil Journalismus die Menschen aus der Fassung bringen und die Festung ihrer Selbstgerechtigkeit sprengen muss.

Medien sind Welterklärer. Sie müssen unnachsichtig erklären, warum Politiker zu Politikverweigerern werden. Wer dem eigenen politischen Programm nicht vertraut, versteckt sich hinter privaten Schnurren: Die Bundeskanzlerin, wenn sie ein paar Tage vor der Bundestagswahl einer erheiterten Herrenrunde erläutert, wie sie Artischocken einkauft - in der Dose und nicht am Marktstand wie ihr Vorbild die schwäbische Hausfrau.

Lieber Sigmar Gabriel, seien Sie gewarnt. Nachdem Sie der Öffentlichkeit tröpfchenweise mitgeteilt haben, dass Sie im Besitz eines Segelscheins sind, wollen wir Sie nicht bei stürmischer See wie Käpt'n Ahab an das Ruder Ihrer Jolle gekettet sehen. Uns hat gereicht, dass uns Merkel mit Artischocken bewarf und Gabriels Vorvorgänger Kurt Beck sich im Angesicht klickender Kameras des Hundes seiner Moselwirtin bemächtigte, um uns seine Tier- und Menschenliebe vor Augen zu führen. Jeder Politiker wird allein daran zu messen sein, ob er seine politischen Aufgaben erfüllt und seine Versprechen einhält.

Lesen Sie, warum Journalismus kampagnenfähig sein muss.

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