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Serie: Wozu noch Journalismus? (1):Regeln von Check und Gegencheck

Das erste Foto zwischen den unendlichen Textspalten einer gedruckten Zeitung war nur der Vorbote für die crossmediale Verbindung zwischen Bewegtbild, Text und Ton, die es dem Journalisten des 21. Jahrhundert ermöglicht, seine Botschaften weit anschaulicher und einprägsamer zu vermitteln als im Zeitalter der Druckerschwärze und der Fernseh-Kommode.

Ernst Elitz, Foto: Deutschlandradio-Thomas Mayer

"Die digitale Welt braucht Anker der Verlässlichkeit" - Ernst Elitz.

(Foto: Foto: Deutschlandradio/Thomas Mayer)

Wozu Journalismus? Weil Journalismus Standards setzen kann in der Netz-Anarchie.

Die digitale Welt braucht Anker der Verlässlichkeit. Die kann der Journalismus mit solider Recherche, den Regeln von Check und Gegencheck, der Achtung vor Persönlichkeitsrechten samt Informantenschutz bieten. Mit seiner stoischen Unvoreingenommenheit und dem Grundsatz "Der Journalist spricht von einer höheren Warte als von den Zinnen der Partei" - oder eines x-beliebigen Interessenverbandes wird er im Blogger-Kosmos des unbekümmerten Plapperns zu einer Vertrauensinstanz. Journalisten sind nicht Betreiber einer digitalen Quasselbude. Sie bieten Materialien zur Meinungsbildung und laden ein zur Entscheidung.

Schlag auf den Hinterkopf

Mit dieser Haltung überträgt der klassische Journalismus seine Glaubwürdigkeit ins Netz und verschafft sich Zugang zu Bevölkerungsgruppen, die er weder mit dem Stakkato der Nachrichtensendungen, noch mit dem "Seriositätsfetischismus" (Harald Staun) ausufernder Analysen erreichen kann. Das knappe Argument, die pointierte Meinung wirke bei vielen Bürger wie der leichte Schlag auf den Hinterkopf, der bekanntlich das Nachdenken anregt.

Das Abitur berechtigt zwar noch zur Aufnahme eines Bachelor-Studiums, aber es befähigt nicht jeden zur Lektüre der Zeit. Nahezu zwanzig Prozent der Deutschen sind printresistent und haben Schwierigkeiten, einen längeren Satz zu lesen, geschweige denn, ihn zu verstehen.

Wozu Journalismus? Weil er die restlichen achtzig Prozent als Mitdenker und Weltbeweger gewinnen muss.

Verständlichkeit, persönliche Nähe, Emotion

Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht. Der Journalismus muss sich vom Dünkel verabschieden, Dienstleister für die gebildeten Stände zu sein. Sein gesellschaftlicher Auftrag verpflichtet ihn, allen Gruppen dieser Gesellschaft vom Hochakademiker bis zum gerade noch des Alphabets kundigen Prekariatsangehörigen ein attraktives Angebot zur Welterklärung zu machen, das sich an ihrem jeweiligen Horizont, ihren Erfahrungen und Kenntnissen orientiert.

Im Kern des Kontrakts, den der Kunde täglich neu mit den Medien schließt, stehen Verständlichkeit, persönliche Nähe und Emotion. Auch mit Gefühlen lässt sich argumentieren. Die Medienbürger des digitalen Zeitalters denken, fühlen und handeln anders, als Normsetzungen, die lange als unverrückbar galten, es nahelegen. Für das Private galt ein Vermummungsgebot. Jetzt geht das Private an die Öffentlichkeit.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Emotionen Argumente sein können.

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