Süddeutsche Zeitung

Serie:Wer ist das Opfer?

Die achtteilige Serie "Unbelievable" erzählt von den Folgen einer Vergewaltigung - mit erzählerischer Präzision statt reißerischer Effekte.

Fasst man den Plot der achtteiligen Serie Unbelievable, die nun bei Netflix zu sehen ist, in einem Satz zusammen, klingt die Sache nach einem ziemlich austauschbaren Thriller-Konzept: zwei ebenbürtige, aber unterschiedliche Ermittler jagen einen Serientäter. Doch schon in den ersten Folgen zeichnet sich schnell ab, dass diese Serie von Showrunnerin Susannah Grant auf Grundlage einer mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Investigativreportage mit kaum etwas vergleichbar ist, was es in diesem Genre sonst zu sehen gibt.

Zunächst sieht es nach einem recht einfachen Fall aus, um den es hier geht. 2008 ruft eine junge Frau in Lynnwood, Washington, die Polizei und gibt an, nachts in ihrer Wohnung von einem Einbrecher vergewaltigt worden zu sein. Die gesamte erste Folge ist dieser Marie (Kaitlyn Dever) gewidmet: wie sie immer und immer wieder die Ereignisse der Nacht rekapitulieren muss, wie dunkle Erinnerungen aus der Kindheit wieder hervorgeholt werden, wie selbst die eigene Pflegemutter an ihren Angaben zu zweifeln beginnt und Marie schließlich selbst soweit ist, dass sie am liebsten alles als Falschaussage zurücknehmen möchte.

Erst in der nächsten Episode treten die beiden Detectives in Erscheinung, um die es in Unbelievable auch geht. Grace Rasmussen (Toni Collette) und Karen Duvall (Merritt Wever) untersuchen in Colorado unweit voneinander entfernt Vergewaltigungsfälle, die verblüffende Parallelen aufweisen. Weil selbst im gleichen Bundesstaat die einzelnen Polizeibezirke selten miteinander kommunizieren und sich gerade bei Vergewaltigungen kaum jemand die Mühe macht, allzu gründliche Details in die Datenbank einzutragen, erfahren die beiden Frauen nur zufällig, dass sie womöglich dem gleichen Mann auf der Spur sind. Doch selbst als sie sich für ihre Ermittlungen zusammentun, erweist sich das Vorankommen als schwierig.

Die Frage, wer der Täter ist, ist in Unbelievable eher zweitrangig. Vielmehr geht es Grant, die mit Lisa Cholodenko und Michael Dinner auch für die Regie verantwortlich ist, darum, welche Folgen eine Vergewaltigung nach sich zieht. Für das Opfer, das sich nicht nur mit einem traumatischen Erlebnis, sondern auch mit den Reaktionen des Umfelds und einer selten empathischen Polizeiarbeit auseinandersetzen muss. Aber auch für die Ermittlerinnen, die bei aller Professionalität nicht dazu bereit sind, auf Mitgefühl und Wut zu verzichten.

Der klischeefreie Blick auf Frauen sowohl als Autoritätsfiguren wie auch als Opfer ist eine große Stärke von Unbelievable, die besonnene Präzision, mit der Maries Trauma, aber auch die Arbeit der Polizistinnen nachgezeichnet werden, eine andere. Aus beidem entwickelt die Serie eine große Wucht. Und was ihr an Spannung auf der Handlungsebene fehlen mag, machen die herausragenden Darstellerinnen mehr als wett. Denn Collet, Wever und Dever ziehen mit ihrem nuancierten Spiel mehr in den Bann, als es ein konventioneller Krimiplot mit reißerischen Elementen je könnte.

Unbelievable auf Netflix.

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Quelle:
SZ vom 17.09.2019
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