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Serie von ORF und Netflix:Die Leiden des jungen Freud

Freud

Auf dem Weg zum Ruhm braucht Freud (Robert Finster) eine Menge Kokain.

(Foto: Jan Hromádko/Bavaria Fiction/ORF)

War der berühmte Begründer der Psychoanalyse womöglich auch der erste Profiler? Eine achtteilige Serie bringt da jetzt Dunkel ins Licht.

Von Claudia Tieschky

Es spricht grundsätzlich sehr für den Wiener Regisseur Marvin Kren, dass die erste Person, die in seiner Serie Freud auftaucht, seine Mama ist. Brigitte Kren hat eine tragende Rolle als Sigmund Freuds unerschrockene Haushälterin - aber so lebenstüchtig diese Leonore auch ist, hier verzweifelt sie, denn der Junge kann's halt nicht, das Hypnotisieren. Jetzt muss sie vor einem ganzen Hörsaal simulieren.

Die Mama zuerst also. Was hätte Freud dazu gesagt? Andrerseits: Ist der Begründer der Psychoanalyse tatsächlich notwendig für diese durchweg auf Spannung ausgelegte Thriller-Serie für ORF und Netflix? Marvin Kren ist ja vor allem bekannt für den Horrorfilm Blutgletscher und die Berliner Clan-Soap 4 Blocks. Ist Freud hier mehr als eine Weltberühmtheit, mit der sich Mystery und sanfter Horror auch international gut verkaufen lassen?

Um das zu beantworten, muss man von den acht Folgen mehr schauen als die drei, die bei der Berlinale-Premiere im Februar zu sehen waren. Denn am Anfang zeigt sich Freud (Robert Finster) vor allem begabt beim Ermitteln grausiger Taten. Von denen gibt es plötzlich so viele, dass der Wachtmeister Alfred Kiss (großartig wienerisch-erratisch: Georg Friedrich) immer noch knurrender schweigsam wird. Einer jungen Frau ist der Unterleib zerfetzt worden. Ein kleines Mädchen hat man entführt und ihm die abgeschnittenen eigenen Zehen in den Hals gesteckt. Die Behandlungsverliese im Keller der Nervenklinik sind kaum weniger shocking. Aber auch Wachtmeister Kiss hat ein Trauma. Das schöne Medium Fleur Salomé wiederum spielt bei Séancen der Grafen Szápáry buchstäblich eine Schlüsselrolle. Es ist nicht zu viel verraten, wenn man sagt, dass sie von finsteren Mächten benutzt wird und es Doktor Freud schwer macht, auf der fachlichen Ebene zu bleiben.

Freud zeigt Freud als jungen Arzt im Jahr 1886, einer Zeit, aus der er in Wirklichkeit die meisten Unterlagen vernichtet hat und damit den Autoren Benjamin Hessler und Stefan Brunner alle Freiheiten gewährt. In einem Werbetext der mit beteiligten Produktionsfirma Bavaria wird vom "modernen Look & Feel" der historischen "Crime-Thriller-Serie" geschwärmt: "Aktuell, sexy und aufregend!" Die Fragen, die sich bei so viel dicker Hose aufdrängen, also zum Beispiel, wie viel 4 Blocks denn nun in Freud stecken und ob Freud nicht doch vor allem eine Profiler-Story geworden ist, verlangen Marvin Kren beim Treffen am Tag der Berlinale-Premiere erkennbar eine Menge Höflichkeit ab. Aber Kren ist gut in Höflichkeit. Er erklärt, dass es seine Arbeitsweise erforderlich machte, dass er bei 4 Blocks mit Kriminellen in Berlin unterwegs war und "das Gefühl kennenlernte, wie sich Verbrechen neben mir anfühlt". Für Freud hat er sich hypnotisieren lassen: Eine "erschütternde, extrem harte Erfahrung, weil ich gemerkt habe, dass jemand anderer über meinen Willen herrscht".

Auffällig ist: Auch die Serie Babylon Berlin beginnt mit der Anweisung, ganz ruhig ein- und auszuatmen. Im Münchner Polizeiruf löste Bessie Eyckhoff voriges Jahr einen Fall unkonventionell durch den Wechsel in einen anderen Zustand. Ist das Fernsehen denn komplett hypnotisiert?

Kren macht den Eindruck, dass es nicht um eine Mode gehe, sondern um was Persönliches, etwas, das ihm vielleicht sogar mehr Angst macht als die Clans von Berlin. Er hat erlebt, wie sein Geist "erschlafft und wie sozusagen ein anderer Geist Kontrolle über mich hat. Und das war so ein beängstigendes Gefühl, dass ich sofort raus wollte aus dieser Situation". Hinterher habe er bitterlich weinen müssen, ohne erklären zu können, warum. "Das war ein ganz besonderes Erlebnis für mich als Regisseur, weil ich jetzt wusste, was für ein mächtiges Instrument die Hypnose ist."

Im weiteren Verlauf der Serie scheint das geradezu das Leitmotiv von Freud zu sein - der Horror vor dem Verlust des eigenen Willens in der Hypnose, aber auch von dem Unheimlichen in einem selber.

Das Bedrohliche im eigenen Inneren wird gelegentlich direkt Dramaturgie; eine der Hauptpersonen verwandelt sich mit etwas Maske und Soundtechnik regelrecht zum Mann, wenn das Schaurige, Dominante in ihr herausbricht. Und in einer Szene häuslichen Friedens sind die Good Guys der Serie in Freuds Wohnzimmer eingeschlafen, aber jeder von ihnen schreckt einmal hoch und steigt in den Keller hinunter, wo er mit seinen größten Ängsten oder gleich einem Doppelgänger ringt. Nur Leonore darf durchschnarchen. Freud selber erwürgt da unten entsetzt seinen Papa und schläft mit seiner Mutter. Man kann das als simpel abtun, aber es ist eben auch ziemlich gut gemacht, und es stimmt ja, was Kren sagt: "Freud selbst hat das Unbewusste als einen unheimlichen Ort empfunden und diese Denke von ihm, diesen unheimlichen Ort zu visualisieren, ist ein unfassbarer Schatz für diese Serie." Warum den Schatz liegen lassen?

Hypnotisiert wird in diesem Wien jeder, der nicht schnell genug weg ist. Manche beherrschen die Methode besser als der junge Herr Doktor, und die Rede ist nicht von Ärzten. Eingebettet ist die Story von den Leiden des jungen Freud in eine schwer österreich-ungarische Sause mit Hermann-Nitsch-blutigen Orgien und dem Kronprinzen Rudolf als lüsternem Schwächling. Anja Kling und Philipp Hochmair ziehen alle schwarzen Register als Grafenpaar, das so düster aussieht, als würde es bei Kontakt mit dem Tageslicht zu Staub zerfallen.

Komik wäre zu viel gesagt, aber die Inszenierung zeigt Spuren von Freude, wenn Hochmair irrlichternd ungarisiert oder Freud kokainbesoffen und gedankenzerrüttet ausruft: Ich muss in die Klinik! Und Frau Leonore das kopfschüttelnd genauso sieht, aber beide nicht dasselbe meinen. In den besten, souveränsten Momenten ist dieser Freud ein Narr, der einer Idee und vor allem seinem Ehrgeiz hinterherläuft, sich verstolpert, dann den Rock zurechtzieht und einen akademischen Satz platziert, mit dem er sich aus der Affäre zieht. Manchmal ist das großes Deklamations-Kino, wenn er, gerade dem Bett entstiegen, noch nackig der schönen Fleur mit den Worten Goethes verkündet: "In dir stecken mehrere Seelen! Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust! Diese andere tut dir nicht gut. Ich werde dich hypnotisieren, sie finden und diese andere vertreiben!"

Sie: "Ich will das aber nicht!"

Und er: "Ich weiß. Aber es wird dir helfen!"

Als Frau von heute hat man also was zu lachen bei Freud. Ein Profiler-Plot ist es am Ende nur insofern, als dass alle Fäden zum Showdown zusammenlaufen. Alles ergibt plötzlich Sinn, Fall gelöst. Der Nächste, bitte.

Freud, ORF 1, Doppelfolge am Sonntag und je drei Folgen am 18. und 22.3., immer 20.15 Uhr; dann sieben Tage in der ORF-TVthek. Ab 23. 3. bei Netflix.

© SZ vom 14.03.2020

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