Serie über Hugh Hefner Der Playboy als Freiheitskämpfer

In der Häschenschule: Der Playboy war nicht nur für leichtbekleidete Damen bekannt, das Heft unterstützte auch die Bürgerrechtsbewegung.

(Foto: Amazon)

In Amazons Doku-Drama-Serie über Leben und Wirken des "Playboy"-Gründers Hugh Hefner geht es um mehr als nackte Frauen.

TV-Kritik von Jürgen Schmieder

Natürlich ist Barbi Benton an diesem Abend in die Playboy Mansion gekommen. Es laufen auch ein paar sehr junge, sehr hübsche und sehr leicht bekleidete Frauen über den Rasen dieser Villa in Holmby Hills im Westen von Los Angeles, doch gegen wahre Schönheit haben selbst Puscheln am Hintern keine Chance. Die meisten Partygäste drehen sich nach Benton um - und es würde nicht verwundern, wenn Playboy-Gründer Hugh Hefner (der sich wegen Rückenschmerzen entschuldigen lässt) oben am Fenster säße und sehnsüchtig auf diese Frau im weißen Hosenanzug blickte.

Benton ist "The One That Got Away". So bezeichnen Amerikaner die eine Liebe ihres Lebens, die deshalb so unschuldig und rein und perfekt ist, weil sie letztlich unerfüllt geblieben ist - wie der Rockstar, der jung stirbt und deshalb niemals langweilig wird. Hefner und Benton waren sieben Jahre lang, von 1969 bis 1976, ein Paar, nachdem der damals 42 Jahre alte Hefner der 19-jährigen Benton auf deren Bedenken, sie sei noch nie mit jemandem zusammen gewesen, der älter als 24 Jahre gewesen sei, geantwortet hatte: "Ich auch nicht." Nach der Trennung sind sie enge Freunde geblieben, bis heute.

Benton ist eine der Hauptfiguren der Doku-Drama-Serie American Playboy: The Hugh Hefner Story, deren zehn Folgen nun bei Amazon Prime zu sehen sind und die an diesem Abend in der Villa beworben werden soll. Natürlich geht es darin auch um leicht bekleidete Frauen, um das Magazin und um die mythenumrankte Grotte im Pool der Villa. Man muss diese Serie allerdings in einem anderen, größeren Zusammenhang sehen: Es geht um ein amerikanisches Leben, das - so außergewöhnlich es auch sein mag - symbolisch ist für die Geschichte dieses Landes.

Die Schauspieler haben nicht das Charisma der realen Figuren. Das raubt bisweilen den Zauber

Gezeigt wird der amerikanische Traum eines Mannes, der aus einem 600-Dollar-Kredit ein Imperium erschuf und dabei für all jene Dinge kämpfte, für die dieses Land gerne stehen möchte und es doch so häufig nicht tut. Das Magazin war nicht nur einer der Katalysatoren für die sexuelle Revolution, es unterstützte durch Interviews mit Martin Luther King jr oder Malcolm X auch die Bürgerrechtsbewegung und forderte als eine der ersten US-amerikanischen Publikationen ein Ende des Vietnam-Krieges. Es gab grandiose Interviews mit John Lennon oder Jimmy Carter, Essays von Vladimir Nabokov und Ian Fleming und Kurzgeschichten über gesellschaftlich relevante Themen, Charles Beaumont etwa schrieb 1955 über Homosexualität.

"Das Vermächtnis meines Vaters ist viel mehr als ein Magazin mit nackten Frauen oder ein alternativer Lebensstil, er hat für nichts weniger gekämpft als für die Freiheit", sagt sein Sohn Cooper: "Wenn man derzeit Politik und Gesellschaft betrachtet, dann erkennt man, dass dieser Kampf auch heute noch wichtig ist. Es gibt derzeit eine konservative Bewegung, die die Freiheit einzuschränken droht und zu einer Plage für dieses Land wird." In der Tat denkt sich der Zuschauer bei manchen Szenen: Das soll schon 50 Jahre her sein? Die Themen heute sind dieselben! In diesen Momenten ist die Serie faszinierend und überaus relevant.

Playboy Playboy zeigt wieder Nacktfotos
März/April-Ausgabe

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Vor einem Jahr hatte das Magazin verkündet, künftig nur bekleidete Models abzubilden. Nun führt der Sohn des Gründers wieder nackte Haut ein - mit einem feministischen Argument.

Sie scheitert allerdings in jenen Augenblicken, in denen sie gespielte Szenen einschieben muss, weil das Archivmaterial von mehr als 17 000 Stunden offenbar nicht für eine stringente Handlung ausgereicht hat. Das mag dramaturgisch notwendig sein, raubt der Geschichte jedoch bisweilen ihren Zauber, weil die Schauspieler nicht an Hefners Charisma heranreichen. In einem rein fiktiven Format wäre das kein Problem. Es wirkt jedoch befremdlich, wenn in der einen Szene ein nachdenklicher echter Hefner über sein politisches und gesellschaftliches Engagement reflektiert - und in der nächsten Schauspieler Matt Whelan als Hefner-Double anordnet, den ersten Artikel über den Vietnam-Krieg im Playboy zu veröffentlichen.

Diese holprigen Momente sind aber selten, so dass American Playboy eine faszinierende Studie bleibt und sich einreihen kann in herausragende Dokumentationen wie O.J.: Made in America oder The Jinx, die sich in den vergangenen Monaten ebenfalls mit dem amerikanischen Traum und seinen Abgründen beschäftigten. Die Serie ist ernst, tiefgründig und manchmal sehr düster, letztlich geht es jedoch um "Winning at Life". So nennen es die Amerikaner, wenn jemand im Spiel des Lebens erfolgreich ist - so wie Hugh Hefner.

Am Sonntag feiert er seinen 91. Geburtstag, wie seit vielen Jahren mit einer Vorführung von Casablanca, zu der alle Gäste in Kostümen aus den Vierzigerjahren erscheinen. Auch die heute 67-jährige Barbi Benton wird kommen. Als sie am Dienstagabend mit ihrem Ehemann George Gradow die Villa verlässt, kurz vor Mitternacht, da lächelt sie und flüstert: "Wissen Sie, was das Schlimmste an der Playboy Mansion ist?" Es gibt nun keine schlüpfrige Geschichte, kein dunkles Geheimnis und auch kein böses Wort über Hefner. Sie sagt: "Die vielen Pflastersteine im Garten - ein Albtraum für jedes Mädchen in High Heels."

American Playboy: The Hugh Hefner Story, abrufbar bei Amazon Prime.

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