Serie "Dr. Brain" auf Apple TV+:Im Gehirn eines Toten

Dr. Brain

Lee Sun-kyun in "Dr. Brain", now streaming on Apple TV+.

(Foto: Apple TV+)

Die südkoreanische Serie "Dr. Brain" ist clever erzählt und voller verrückter Ideen - aber reicht das?

Von Lennart Brauwers

Nur wenige Dinge sind so komplex wie der menschliche Verstand. Vielleicht noch das Universum oder die erweiterte Version von "Die Siedler von Catan", aber da hört es dann auch auf.

Der gleichzeitig geniale und gefühlskalte - eine sehr häufige Kombination - Protagonist der südkoreanischen Serie Dr. Brain arbeitet als Hirnforscher und hat es sich zum Lebensinhalt gemacht, eben dieser Komplexität auf den Grund zu gehen. Der ziemlich stumpfe Serientitel ist also Programm. Doch das Ganze macht Dr. Sewon Koh (gespielt von Lee Sun-kyun, bekannt aus Parasite) nicht nur, um seine Wissbegier zu stillen: Mithilfe der sogenannten Hirnwellenkopplung, durch die er die Erinnerungen von Toten mit seinem eigenen Gehirn synchronisieren kann, versucht er herauszufinden, was genau mit seinem Sohn passiert ist, der bei einem mysteriösen Unfall sein Leben verloren hat - oder verschwunden ist? Man weiß es nicht so recht. Wer schon verstorben ist und wer nicht, das ist hier nicht immer ganz klar.

Jedenfalls verbindet Dr. Koh sein Gehirn nicht nur mit verschiedenen Menschen oder seiner im Koma liegenden Frau, sondern zwischendurch auch mal mit einer - aufgepasst - toten Katze. Und, ja, das ist genauso verrückt, wie es klingt. Vor allem wenn die Erinnerungen der Katze wie in einem Videospiel aus der Ich-Perspektive gezeigt werden. Was man halt so macht, um seinen eigentlich doch verstorbenen Sohn zu finden.

Welche Erinnerungen sind seine eigenen? Welche sind die der Toten? Wer ist noch mal tot?

Die Erinnerungen der Verstorbenen, die unser Protagonist in seinem Kopf abruft - übrigens mithilfe eines Geräts, das wie ein misslungener DJ-Controller aussieht - führen dazu, dass die Grenze zwischen Realität und Illusion immer schwammiger wird. (Keine Sorge, es ist völlig normal, dass man beim Schauen von Dr. Brain immer wieder an Inception denken muss.) Welche Erinnerungen sind seine eigenen? Welche sind die der Toten? Wer ist noch mal tot? Als Folge der Hirnwellenkopplung nimmt Dr. Koh auch noch unbewusst bestimmte Gewohnheiten der Verstorbenen an. Und all das, während er außerdem selbst für einen Mord verdächtigt wird. Warum noch mal? Die Fragen häufen sich.

Am Leben gehalten werden die einzelnen Folgen jedoch nicht von diesen Fragen, die häufig nur in den Raum gestellt und zu ungenau erklärt werden, sondern von der Bandbreite an verschiedenen Genres, die sich in Dr. Brain vermischen. Eine überraschungsreiche Suche nach Antworten (Krimi) mithilfe von futuristischen Werkzeugen (Science-Fiction) führt zu düsterer Spannung (Horror) und der Darstellung einer Vater-Sohn-Beziehung (Drama). Zusätzlich hat Dr. Brain auch noch was Philosophisches und beleuchtet zwischendurch auch die Frage: Wie weit dürfen Forschung und Wissenschaft gehen?

Das klingt erst mal nach einer Idee mit viel Potenzial. Wären da nicht diese farblosen und klischeebehafteten Nebenfiguren (der trottelige Laborassistent, der Sonnenbrillen tragende Privatdetektiv), die das Ganze etwas oberflächlich machen. Am Ende ist diese Serie jedenfalls so wie ihr Protagonist: clever, aber auch trocken. Komplexität allein reicht meistens nicht.

Dr. Brain, sechs Folgen, bei Apple TV+.

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