Serie Schau auf diese Stadt

"Hackerville" erzählt einen rasanten deutsch-rumänischen Cyberkrimi. Glaubhaft ist er vor allem, weil die Koproduktion aus beiden Ländern funktioniert hat. Mit dabei: Die Macher von "Deutschland 83".

Von Kathrin Hollmer

Râmnicu Vâlcea ist die gefährlichste Stadt im Internet. Weil die beiden Worte für westliche Zungen schwer auszusprechen sind, hat die Sicherheitsfirma Norton vor drei Jahren ihre Kurz-Dokumentation Hackerville genannt. Mit dem Youtube-Video wollte Norton auf die Gefahren von Hackerangriffen aus Rumänien aufmerksam machen. Râmnicu Vâlce gilt als Hacker-Zentrum, von dem Cyber-Attacken mit Zielen auf der ganzen Welt ausgehen.

Auch die erste grenzüberschreitende Koproduktion zwischen dem deutschen Bezahlsender TNT Serie und HBO Europe heißt Hackerville. Die sechsteilige Serie spielt größtenteils in Rumänien, dem Land mit der schnellsten Internetverbindung Europas, in dem Schüler schon in der ersten Klasse programmieren lernen und Hightech und Armut eng nebeneinander existieren. Fasziniert von Artikeln zu dem Thema entwickelten der Serienschöpfer Jörg Winger (UFA Fiction) und Drehbuchautor Ralph Martin den Stoff zu einer Serie. Das Duo ist vielversprechend, beide wirkten unter anderem an der Serie Deutschland 83 mit.

In Hackerville wird die BKA-Beamtin und Spezialistin für Internetkriminalität Lisa Metz (Anna Schumacher) für ihren ersten Außeneinsatz nach Timişoara geschickt. Ausgerechnet - bis sie acht Jahre alt war, lebte sie mit ihrer Mutter in der Stadt im Westen Rumäniens. Nun kann sie zwei Hacker-Angriffe auf Banken in Deutschland dorthin zurückverfolgen. Einmal wurde gar kein Geld, einmal wurden 9,99 Euro gestohlen. Das ist gar nichts, eigentlich. Dennoch ist das BKA alarmiert: Vor drei Jahren sind durch einen Hack nach demselben Muster mehrere Millionen verschwunden.

In ihrer einstigen Heimatstadt ist Lisa nicht wirklich willkommen. Der Polizist Adam Sandor (Andi Vasluianu) sieht seine eigene Ermittlungsarbeit in Gefahr, mit Lisas akkurater "deutscher Art" kommt er nicht klar. Seine Töchter fährt er mit Sirene zur Schule, wenn sie spät dran sind. Beweise lässt er für den guten Zweck schon mal verschwinden. Beim Observieren im Auto knabbert Lisa Nüsschen, wie um sich von rumänischer Sitte zu distanzieren, Adam isst Krautwickel. Als Lisa Anrufe von ihrem Chef ignoriert, sagt Adam: "Weiter so. Sehr rumänisch von dir!" Und so geht das immer wieder. Ein bisschen Culture Clash musste wohl sein, ansonsten ist Hackerville, gedreht in Frankfurt, Bukarest und Timişoara, angenehm klischeefrei.

Die Zweisprachigkeit des Originals trägt zur Authentizität bei. Eine Synchronfassung folgt im Januar

Das ist vermutlich auch Ergebnis der länderübergreifenden Zusammenarbeit. Die Autoren Ralph Martin und Steve Bailie (ebenfalls Deutschland 83) arbeiteten zusammen mit den rumänischen Kollegen Laurenţiu Rusescu und Daniel Sandu, und die UFA mit der rumänischen Produktionsfirma Mobra Film. Die Regie teilen sich Igor Cobileanski und Anca Miruna Lazarescu, die wie die Hauptfigur Lisa Metz in Timişoara geboren ist und Anfang der Neunziger nach Deutschland kam. Auch Hauptdarstellerin Anna Schumacher ist als Kind von Rumänien nach Deutschland ausgewandert. Zur Authentizität trägt auch bei, dass das rumänisch-deutsche Original zunächst mit Untertiteln gezeigt wird. Eine synchronisierte Fassung soll im Januar folgen.

Hackerville hat einen Look, der global funktioniert, und ist für den internationalen Markt angelegt, HBO strahlt sie in Mittelosteuropa, Skandinavien, Spanien und den USA aus. Grenzüberschreitende Polizeiarbeit und Ermittler, die für einen Fall nach Jahren in ihre Heimat zurückkehren, hat man schon oft gesehen. Bei Cyber-Verbrechen macht die länderübergreifende Zusammenarbeit auch Sinn, und die Familiengeschichte, die Lisa in ihrer Heimat aufarbeitet, ist mal richtig brisant. Ihr Vater floh aus der damaligen kommunistischen Diktatur, warum und wie, bleibt zunächst offen, ebenso der Tod von Lisas Mutter, die vom berüchtigten rumänischen Geheimdienst Securitate unter Druck gesetzt wurde. Hackerville versucht erst gar nicht, Geschichtsunterricht zu machen, und thematisiert doch den Verkauf von 250 000 Rumäniendeutschen ab Ende der Sechzigerjahre durch den Diktator Nicolae Ceausescu an die westdeutsche Regierung.

Das alles ist spannend, real und dicht erzählt. Anna Schumacher besticht als geradlinige Ermittlerin, bei der es keine Sekunde darum geht, dass sie eine Frau ist, ebenso sehenswert ist Nachwuchs-Schauspieler Voicu Dumitras als jugendliches Programmier-Genie Cipi Matei. Bis in die Nebenrollen, unter anderem mit Ronald Zehrfeld und Nina Kunzendorf, ist die Serie top besetzt. Das mag im Zweifel nicht viel heißen, an Hacker-Stoffen sind schon viele gescheitert. Meistens deshalb, weil das Thema ziemlich abstrakt ist. Hackerville aber ist nicht gar abstrakt, sondern hochdramatisch, oft beklemmend und sehr politisch.

Hackerville, TNT Serie, donnerstags, 21.50 Uhr.