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Serie "I am Not Okay With This":Vor der Explosion

Ein Teenager, der die Kontrolle verliert, Superkräfte entwickelt und dabeiganz nebenbei Nasenbluten auslöst: Die Macher der Erfolgsserie "Stranger Things" erzählen in "I Am Not Okay With This" erneut lustig und liebevoll von Heranwachsenden.

Von Aurelie von Blazekovic

Die 17 Jahre alte Syd, Kurzhaarfrisur und Kleidungsstil "gemütlich", konnte mit ihrer Langweiligkeit ganz gut leben, solange es ihre beste und einzige Freundin Dina gab. Doch seit Kurzem versetzt die sie für ihren schleimigen Footballspieler-Freund, den sie unerträglicherweise "Babe" nennt. Seitdem ist alles eher schwer. "Liebes Tagebuch, wann wird es endlich leichter?", fragt Syd ganz unzynisch. Ansonsten steht da auch mal: "Liebes Tagebuch, Fick dich doch einfach selbst."

Syd (gespielt von Sophia Lillis) hat in der neuen Netflix-Serie I Am Not Okay With This, seit sich ihr Vater umgebracht hat, neben ihrem Langweiligkeitsproblem auch ein ziemlich großes Wutproblem. Sie zerbricht Stifte, kickt Mülltonnen um und verwüstet ganze Bibliotheken. "Ich verliere oft die Geduld, aber ich will das gar nicht." Die Schul-Vertrauenslehrerin Miss Cappriotti hat ihr deshalb Tagebuchschreiben als therapeutische Maßnahme aufgetragen.

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Kann passieren: Syd (gespielt von Sophia Lillis) verliert in der Serie bisweilen die Kontrolle.

(Foto: Netflix)

Über die Einträge hinweg spannen sich die sieben Folgen der Coming-of-Age-Serie. Syd hat darin nicht nur mit der Pubertät zu kämpfen, sondern realisiert, dass sich tief in ihr übernatürliche Kräfte einen Weg bahnen, die sie nicht versteht und nicht kontrollieren kann.

Nachdem Dinas Footballer-Freund Syd auffordert, doch mal zu lächeln, starrt sie ihn so lange wütend an, bis seine Nase blutet. Nach einem Streit mit ihrer Mom - sie und Syd verarbeiten die Trauer um den toten Vater, indem sie möglichst gemein zueinander sind - reißt Syd versehentlich einen Spalt in die Zimmerwand. Sie versteckt ihn, indem sie eine Kommode davor schiebt. Dass das keine endgültige Lösung sein kann, ahnt man schon.

Alles läuft auf die große Explosion hinaus. Eine Jugendliche mit mysteriösen und zerstörerischen Superkräften; das erinnert ein bisschen an die Erfolgsserie Stranger Things. Auch der 80er-Retrolook ähnelt der großen Netflix-Erfolgsserie. Kein Zufall: Die Produzenten sind dieselben. Regisseur Jonathan Entwistle ist außerdem für die Serie The End of The F***ing World verantwortlich, die sich humorvoll um einen Teenager mit psychopathischen Zügen dreht und genauso wie I Am Not Okay With This auf einem Comic von Charles Forsman basiert.

Was die drei Serien gemein haben: Sie gehen einfühlsam und liebevoll mit ihren freakigen Teenie-Charakteren um. Die fühlen sich als Außenseiter und sind es teilweise wirklich. Und gleichzeitig in ihrer Unbeholfenheit einfach wunderbar. Besonders schön ist die Szene, in der sich Syds erster Sex mit Stan (Wyatt Oleff) anbahnt, einem liebenswürdigen Jungen aus der Nachbarschaft, der den Intellektuellen mimt. Nachdem er über die Überlegenheit von VHS und Vinyl als Ausspielwege doziert, und die beiden über Endzeitszenarien sprechen, zeigt er ihr seine Rückenakne und sie ihm ihre Oberschenkelpickel.

I Am Not Okay With This ist ein liebevolles Porträt über Heranwachsende und ihr ständiges Unwohlsein. Über die, welche unbedingt anders, cooler sein wollen und am Ende doch auf dem Schulball tanzen. Und über die, die sich einfach nur wünschen, normal zu sein. Für Syd gilt: Der Versuch ist zwecklos.

I Am Not Okay With This auf Netflix*.

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© SZ vom 28.02.2020
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