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Serie:Eine Mischung aus Hannibal Lecter, Sherlock Holmes und Ödipus

Tot geglaubt und plötzlich doch wieder aufgetaucht: Afrika-Heimkehrer James Delaney, gespielt von Tom Hardy.

(Foto: Concorde/Amazon)

Inzest, Kannibalismus, Folter: Der Rache-Epos "Taboo", von und mit Tom Hardy, ist ein Gegenentwurf zu artigen Historienserien wie "Downton Abbey".

Eines ist schon ganz zu Anfang klar: Gesprächig ist dieser James Delaney nicht gerade. Das Erste, was die Hauptfigur der britischen Serie Taboo von sich gibt, als sie am schlammigen Ufer der Themse an Land geht, ist ein Grunzen. Etwas später, am aufgebahrten Leichnam seines Vaters stehend, folgt ein Satz in einer afrikanischen Sprache und dann endlich - nach drei Minuten - etwas Verständliches: "Vergib mir, Vater", raunt Delaney, "denn ich habe wahrlich gesündigt".

Tom Hardy spielt James Delaney und es liegt vor allem an ihm, dass man nach diesen drei Minuten bedeutungsschwangeren Schweigens gewillt ist, weiterzuschauen. Immerhin hat Hardy schon häufig bewiesen, dass es nicht viele Worte braucht, um eindrücklich eine Figur zu verkörpern. Er tat das etwa 2015 in Mad Max als einsilbiger Berserker in einem apokalyptischen Niemandsland. Viel freundlicher ist das London des Jahres 1814, in dem Taboo angesiedelt ist, auch nicht. Sonnenstrahlen durchbrechen hier nur selten die Wolkendecke, die Menschen fluchen viel, rühren in Eimern voller Schlachtabfälle und kratzen sich ihre vernarbten Visagen.

Besagter Delaney nun sollte eigentlich in den Tiefen Afrikas ums Leben gekommen sein, doch dann erscheint er plötzlich auf der Beerdigung seines Vaters. Die Freude der Verwandtschaft hält sich allerdings in Grenzen. "Hat sich die Hölle geöffnet?", ist die erste Reaktion seiner Halbschwester Zilpha. Ähnlich konsterniert sind die Herren von der Britischen Ostindien-Kompanie. Denn Delaney weigert sich kategorisch, ihnen sein einziges Erbe zu verkaufen, ein Landstück an der Westküste der USA, das strategisch wichtig ist im Britisch-Amerikanischen Krieg. Überhaupt scheint dieser James Delaney ein Typ zu sein, der mit den Regeln der feinen englischen Gesellschaft nicht allzu viel anfangen kann. Eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester wäre da genauso als Beleg anzuführen wie ein Hang zum Kannibalismus und zum Übernatürlichen, den er sich, so wird gemunkelt, in Afrika angeeignet haben soll.

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Als Taboo Anfang des Jahres in Großbritannien und den USA anlief, erhielt die Serie sehr gemischte Kritiken. Die einen sahen darin eine behäbige Nullnummer, die anderen feierten sie als fiebriges Gegenprogramm zu artigen Historienserien wie Downton Abbey. Und irgendwie haben beide Lager Recht. Taboo braucht tatsächlich ungewöhnlich lange, um erste Anzeichen eines Spannungsbogens erkennen zu lassen und Figuren zu etablieren, mit denen man mitfiebern möchte. Der unbedingte Wille zur pathostriefenden Rätselhaftigkeit wirkt außerdem mitunter unfreiwillig komisch. Aber auf der anderen Seiten sind da tolle Schauspieler: Mark Gatiss etwa als lächerlicher König Georg IV, Michael Kelly als spröder amerikanischer Spion, Franka Potente als abgebrühte Bordellwirtin und allen voran natürlich Hardy als Delaney.

Delaney, der undurchschaubare Ein-Satz-Mann an der Grenze zum Wahnsinn

Unfassbare Gräuel muss dieser undurchschaubare Ein-Satz-Mann an der Grenze zum Wahnsinn in den Kolonien gesehen haben, so wird es dem Zuschauer suggeriert, und nun ist er in sein Heimatland gekommen, um abzurechnen. Eine Rolle, wie sie sich jeder Schauspieler wünscht, was auch damit zu tun haben könnte, dass Hardy sie selbst entworfen hat. Eine Mischung aus Hannibal Lecter, Sherlock Holmes, Ödipus, Emily Brontës Heathcliff und Klaus Kinski in Aguirre sollte dieser Delaney werden, wenn es nach Hardy ging. Zusammen mit seinem Vater, dem Autor Chips Hardy, entwickelte er die Geschichte und verpflichtete Steven Knight als Drehbuchautor. Der hatte mit seiner Serie Peaky Blinders um eine britische Gang Ende des Ersten Weltkriegs bereits gezeigt, wie man historische Stoffe neu und originell aussehen lässt.

Und etwa ab der Staffelmitte macht sich dieser Anspruch dann auch bemerkbar. Der Plot zieht endlich an und wie als Entschädigung für das Warten werden nun so eifrig Menschen gefoltert, niedergemetzelt und in die Luft gesprengt, dass man kaum noch mitkommt. Taboo erweist sich als eine historisch vielleicht nicht hundertprozentig wasserdichte, aber dafür wohltuend irre Rachegeschichte, darüber, was passiert, wenn die Schreckenstaten einer Kolonialmacht auf sie selbst zurückfallen. Kürzlich wurde bekannt, dass schon die zweite Staffel von Taboo in Planung ist. Ein bisschen mehr hat dieser James Delaney dann wohl doch noch zu sagen.

Taboo, abrufbar bei Amazon Prime Video.

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© SZ vom 31.03.2017/luch
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