bedeckt München 19°

Serie:Ein Wetter zum Gruseln

Pressefotos

The Rain

Foto: Netflix

Jeder Regentropfen ist virenverseucht und tödlich. Simone (Alba August) lebte deshalb jahrelang im Bunker.

(Foto: Netflix)

"The Rain" macht Dänemark zur Todeszone. Eine Gruppe von Teenagern versucht mit allen Mitteln, in der virenverseuchten Nässe zu überleben.

Die Regeln sind einfach. Jeder Regentropfen bedeutet Tod. Jede Pfütze auch. Und wer draußen herumstreunt, ist auf der Suche nach Essen und bereit, dafür zu töten.

In der achtteiligen Serie The Rain, der ersten dänischen Eigenproduktion von Netflix, überträgt der Regen ein Virus, das jeden Menschen innerhalb von Minuten tötet. Die 16-jährige Simone und ihr jüngerer Bruder Rasmus (Alba August und Lucas Lynggaard) bekommen in dem Bunker im Wald, in dem ihr Vater sie versteckt hat, kaum etwas davon mit. Der Vater, der für ein zweifelhaftes Pharmaunternehmen namens Apollon arbeitet, ließ sie zurück, um ein Heilmittel zu suchen. Sechs Jahre warten sie schon auf seine Rückkehr. Erst als ihnen das Essen ausgeht, brechen sie auf.

Zombies braucht es hier nicht, die Überlebenden sind gruselig genug

Das kleine Land Dänemark mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern ist berühmt für seine hervorragenden Serien. Die dänisch-schwedisch-deutsche Produktion Die Brücke oder die dänischen Serien Kommissarin Lund und Nordlicht werden weltweit gesehen oder gleich als Remake gedreht. Eine Fernsehrevolution durch Netflix ist da eigentlich nicht nötig. Jannik Tai Mosholt, 40, der The Rain mitentwickelt hat, sagt: "In Dänemark waren wir in den vergangenen 20 Jahren stark, was Drama-serien angeht, aber wir machen entweder sozialrealistische Dramas oder Krimis." Für Genres wie Science-Fiction oder Geschichten für junge Zuschauer sei das Publikum in Dänemark an sich zu klein. "Wenn man eine große Dramaserie für einen der wenigen Sender macht", sagt er, "muss man mindestens eine Million Zuschauer erreichen."

In Deutschland ist das Publikum zwar größer, die Situation aber ähnlich. Vor Weinberg (TNT) und Dark (Netflix) schien etwa das Genre Mystery schwer möglich, auch hier kommt nach dem Krimi lange nichts. Mosholt, der auch die erfolgreichen Serien Borgen und Follow The Money schrieb, beides für Dänemarks öffentlich-rechtliches DR, bot den dänischen Sendern The Rain erst gar nicht an. Vor vier Jahren hatte er die Idee, eine postapokalyptische Serie in Dänemark spielen zu lassen. Das Genre war für ihn etwas sehr Amerikanisches, das er in die Gesellschaft holen wollte, die er kannte. "Amerikanische Weltuntergangsgeschichten handeln oft von einer Person, die allein ums Überleben kämpft. Wir dagegen bewegen uns im Rudel." In einem Trailer heißt es: "Wir haben gelernt, (...) dass wir die glücklichsten Menschen auf der Welt sind." Und ausgerechnet, wenn die Welt so in Ordnung ist, soll sie untergehen.

Diese Fallhöhe zieht sich durch die Serie. Simone bringt sich in Gefahr, um ein Kind zu retten, weil sie das vor ihrer Zeit im Bunker auch so gemacht hätte. Die Gruppe junger Überlebender, zu der sie sich zusammentun, hat sich mit der Welt draußen verändert. Die Geschäfte in Kopenhagen sind geplündert. Der Großteil der skandinavischen Bevölkerung ist tot. Soldaten schießen auf potenziell Infizierte. Jeder kämpft für sich. Martin etwa (toll: Mikkel Boe Følsgaard aus Die Erbschaft) ließ in seinem früheren Leben als Soldat eine Frau durch die Quarantäne-Absperrung, weshalb alle seine Kameraden tot sind. Nun zückt er gleich sein Gewehr, wenn aus der Gruppe jemand aus Versehen in eine Pfütze tritt.

Der Unterschied einer Produktion mit einem dänischen Sender und einer mit Netflix, sagt Mosholt, sei nicht das Budget, sondern wie es eingesetzt wird - nämlich hier vor allem für 3-D-Computergrafik. Beeindruckend ist, wie der Rathausplatz in Kopenhagen leergefegt ist oder wie die Kamera einzelnen Regentropfen aus der Wolke auf die Erde folgt. Zombies braucht es da keine, die hungrigen Überlebenden sind viel gruseliger.

Die Rolle Dänemarks als Serienvorbild könnte jedoch bald in Gefahr sein. Im März wurde bekannt, dass die Rundfunkgebühren abgeschafft und durch Steuern ersetzt werden, was das Budget für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk um ein Fünftel schmälern wird. "Für mich ist es eine Schande, wenn das weniger Fiktion bedeutet", sagt Mosholt.

Mosholt, der sich für The Rain von William Goldings Herr der Fliegen und Cormac McCarthys Die Straße inspirieren ließ, nennt auch The Hunger Games als Einfluss, auch wenn seine Serie viel subtiler ist. Zu den stärksten Momenten gehört, wenn Simone zu den leeren Schutzanzügen redet, die an der Wand hängen, als wäre dort ihr Vater.

Wirklich stark macht The Rain die Kombination aus Dystopie und Coming of Age. In Rückblenden wird erzählt, wer Simone, Rasmus und ihre neuen Freunde vor der Katastrophe waren. Jetzt müssen sie herausfinden, wer sie sein wollen. Das gehört zum Erwachsenwerden, auch nach dem Weltuntergang.

The Rain , bei Netflix.