Serie "Dignity" über Colonia Dignidad:Die Macht der Grausamkeit

"Dignity" basierend auf den Geschehnissen in Colonia Dignidad

Eine propere Welt war das in Colonia Dignidad. In der Serie „Dignity“ wird nachgezeichnet, wie hoch der Preis war, ein Teil dieser Welt zu sein.

(Foto: Story House Pictures)

Die Joyn-Serie "Dignity" beschreibt eindringlich die Unterdrückungs­mechanismen in der berüchtigten Colonia Dignidad von Alt-Nazi Paul Schäfer.

Von Stefan Fischer

Zwei Putten grinsen den Betrachter an, in ihren Gesichtern prangt porzellan-feister Gleichmut. Ein Ort mit solchen Engeln kann nur die Hölle auf Erden sein. Gleich daneben, ebenfalls aus Keramik: zwei deutsche Schäferhunde in Hab-Acht-Haltung. Schon durch diesen kitschigen Nippes offenbart sich die Colonia Dignidad im Süden Chiles als jene Sphäre des Unheimlichen, die sie jahrzehntelang war. Der Name, Kolonie der Würde, ist blanker Hohn. Denn jeder, der in die Fänge der Colonia geraten ist, hat dort - mindestens - seine Würde verloren.

Die Colonia Dignidad war das Reich des Alt-Nazis Paul Schäfer, der sie 1961 in der Nähe der Stadt Parral gegründet hatte. Hier wurde er nicht behelligt, anders als seinerzeit in Deutschland, wo gegen ihn ermittelt worden ist wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung zweier Buben. Deshalb ist er mit rund 150 Mitgliedern seiner Sekte nach Chile ausgewichen. Er genoss fortan die Protektion des Diktators Pinochet, nützliche Seilschaften nach Deutschland rissen ebenfalls nicht ab.

So war Schäfer lange nicht zu fassen, auch über das Ende Pinochets hinaus, obwohl er in Chile nicht davon abließ, Menschen zu misshandeln, sexuell zu missbrauchen - sogar getötet wurden einige unter seinem Schreckensregime.

In der Serie Dignity ist Schäfer, der Gefolgschaft eingefordert hat, die Hörigkeit gleichkommt, für die Ermittler dementsprechend ein Phantom. Zu sehen ist er zu Beginn nur in Rückblenden. Sie schildern krasse Vorfälle, die zu drastischen Einschnitten geworden sind für einzelne Bewohner der Kolonie. Sie brennen sich auch den Zuschauern von Dignity ein. Denn Götz Otto spielt den Widerling mit einer kalten Brutalität, die immer wieder ins Sentimentale kippt, was ihn vollends unberechenbar macht. Eine an sich harmlose Zärtlichkeit gegenüber einem Buben von vielleicht acht Jahren wird durch eine lapidare Handbewegung Ottos zu einer herrischen, einer ekelhaften Geste.

Obwohl Schäfer physisch kaum anwesend ist in den ersten Folgen von Dignity, ist er trotzdem genauso präsent wie sein Gegenspieler, der Bundesanwalt Leo Ramirez. Der kreuzt 1997 mit Polizisten in der Kolonie auf, er soll Schäfer verhaften - und blitzt ab. Der Alte ist nicht zu finden.

Marcel Rodriguez spielt Ramirez' unterdrückte Wut und die Beklemmung, die ihn erfasst, mit ähnlicher Zurückhaltung wie Götz Otto den zynischen Messianismus Schäfers. Die Schauspieler haben vom Regisseur Julio Jorquera den Raum bekommen, um tatsächlich zu spielen und nicht nur ihre Texte abzuliefern. Von den Verletzungen, den Kämpfen, den Demütigungen der Figuren, von ihrer Macht oder Ohnmacht, erzählen vor allem die Gesichter und die Körper.

Für die Streaming-App Joyn ist die achtteilige, chilenisch-deutsche Koproduktion die erste exklusive Serie für das kostenpflichtige Angebot Joyn+. Geschrieben hat Dignity Andreas Gutzeit als Hauptautor. Er und sein Team kaprizieren sich nicht auf die Gräueltaten, die in der Colonia Dignidad begangen worden sind - man erfährt davon gerade so viel, wie notwendig ist, um ihre Dimension zu begreifen. Im Kern ist Dignity ein Serie über Loyalität und ihre Grenzen sowie über Einsamkeit. Der Staatsanwalt, seine in der Hauptstadt zurückgebliebene Frau (Martina Klier), die Polizistin Pamela Rodriguez (Antonia Zegers), der Arzt Hausmann, ein enger Vertrauter Schäfers (Devid Striesow) und etliche der überwiegend fiktiven Figuren tragen schwer an massiven inneren Konflikten - die sie alle mit sich selbst ausmachen müssen. Gefährlich wird es obendrein für jeden. Egal, ob er oder sie innerhalb des Systems Schäfer steht oder außerhalb. Die Colonia Dignidad ist hier das Gesetz.

Dignity, bei Joyn*

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