Süddeutsche Zeitung

"Die letzten Tage des Ptolemy Grey" auf Apple +:Der alte Mann und das Mehr

Lesezeit: 3 min

Samuel L. Jackson spielt furios einen Dementen - und rettet so eine Serie über die großen Fragen des Lebens, die an manchen Stellen zu herzerwärmend zu werden droht.

Von Annett Scheffel

Ptolemy Greys Wohnung ist wie ein kleines, erratisches Museum. Bis zu den Decken stapeln sich die Gegenstände eines Lebens: Bücher, Zeitungen, Bilder, in Folie verpackte Klamotten und alte Zahnbürsten. Und mittendrin sitzt der alte Mann in seinem abgewetzten Fernsehsessel - zusammengesunken und haltlos in einer Flut aus Erinnerungen. So viele sind es, dass sein Verstand von ihnen ebenso verstopft ist wie seine Toilette, um die sich seit Jahren niemand gekümmert hat. Weil Ptolemy aber keine Ahnung hat, was noch wertvoll ist und was nicht mehr, kann er auch nichts wegschmeißen. Auch Vertrauen hat er lieber zu niemandem mehr. Alle, die ihm am Herzen lagen, hat er entweder überlebt oder vergessen.

Es ist ein Versinken und Verschwinden in der Demenz, dem man in Die letzten Tage des Ptolemy Grey zuschaut. Und diese Szenen zu Beginn fahren einem schmerzhaft unter die Haut. Noch dazu, weil die neue sechsteilige Apple-Miniserie von Filmemacher Ramin Bahrani davon größtenteils aus der Innensicht erzählt - eine Perspektive, die man im Film nicht allzu oft zu sehen bekommt.

Für einen Schauspieler wie Samuel L. Jackson ist dieser einsame Ptolemy eine ausgezeichnete Rolle. Genaugenommen sind es nämlich gleich mehrere Rollen, die er in der Adaption des gleichnamigen Romans von Walter Mosley spielt - mehrere Versionen ein und desselben Mannes. Denn bald geben zwei unerwartete Ereignisse dem von der Welt vergessenen 93-Jährigen, der sich zu Beginn im Nebel seiner Demenz ängstlich umblickt, noch einmal einen letzten großen Energieschub.

Ganz platonische Romanze und zärtliche Coming-of-Age-Geschichte

Zunächst tritt die verwaiste Teenagerin Robyn (Dominique Fishback) in sein Leben. Nachdem sein geliebter Großneffe und einziger Betreuer Reggie ermordet worden ist, soll sich sie um Ptolemy kümmern. Die toughe 17-Jährige bringt nicht nur Ordnung in sein vermülltes Apartment, sondern auch bald auch viel ehrliche Zuneigung. Als die beiden von einer experimentellen Behandlung erfahren, die Ptolemys nur noch schemenhafte Erinnerungen für kurze Zeit wiederherstellen kann, beginnt eine abenteuerliche Reise zu den Geistern der Vergangenheit: Zurück zu seinem Onkel und Mentor Coydog, der gelyncht wurde, weil er den Goldschatz eines weißen Mannes gestohlen hatte und nur Ptolemy das Versteck verriet. Und zurück zu Ptolemys früh verstorbener Ehefrau Sensia, deren gewalttätiger Ex-Freund den beiden das Leben schwer machte. Ein bisschen ist das wie in "Memento", Christopher Nolans Film über Trauma als Erinnerungsblockade, wenn man sich mit der Hauptfigur durch zunächst unklare Erinnerungsfetzen wühlt (nie weiß man, ob man ihnen trauen darf oder nicht). Und wie in der Tradition der Griots, der berufsmäßigen Dichter und Sänger Westafrikas, reicht der wieder luzide Ptolemy auch eimerweise Lebensweisheiten weiter - an Robyn und an das Publikum.

Es fällt schwer, die Serie für all das nicht zu lieben: Für Jackson in der Rolle dieses alten, sterbenden Mannes. Und für den generationsübergreifenden Bund, den er mit der jungen Frau schließt. Bald sind die beiden ein so eingespieltes und liebevolles Team, als wären sie seit Jahrzehnten verheiratet. Ein wenig ist Die letzten Tage des Ptolemy Grey also auch eine (ganz platonische) Romanze. Vor allem aber eine zärtliche Coming-of-Age-Story über das Erwachsen- und Altwerden. Und eine Odyssee durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das alles ist sehr herzerwärmend - zwischendrin fast zu sehr. Denn inmitten all der Innigkeit gehen zuweilen die Plotstruktur und die manchmal großen Fragen etwas verloren, die die Serie versucht zu stellen: Wie werden wir zu denen, die wir sind? Welchen Einfluss haben wir auf andere? Wo liegen die Berührungspunkte verschiedener Generationen? Und welche Erinnerungen bleiben nach unserem Tod?

Zum Glück hat die Serie mit den beiden fantastischen Hauptdarstellern einen starken Motor. Ihre Chemie treibt die Geschichte voran. Den vielbeschäftigten Samuel L. Jackson, der in Fernsehproduktionen bisher fast nur in Gastauftritten zu sehen war, hat man lange nicht so hingebungsvoll in einer Rolle gesehen. Er gibt dem alten Ptolemy auch in Momenten größter Verwirrung eine strahlende Würde.

"Die letzten Tage des Ptolemy Grey" bei Apple TV+.

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