Süddeutsche Zeitung

Sky-Serie "Devs":Wunderschön und entsetzlich

Auf Stippvisite im Silicon Valley - "Devs" ist die großartige Miniserie von Regisseur Alex Garland, in der das Grauen im Tech-Märchenwald wartet.

Von Johannes Nebe

Zwischen Baumkronen ragt der Kopf einer riesigen Statue heraus: ein Mädchen, wahrscheinlich im Vorschulalter, die Hände streckt sie vor sich aus, die Finger gespreizt, als wolle sie nach vorbeifliegenden Vögeln schnappen. Zu ihren überdimensionierten Füßen liegt eine der vielen Tech-Firmen, die sich im bewaldeten Silicon Valley angesiedelt haben. Im Gegensatz zum alles überragenden Kopf der Statue liegen die Gebäude des Konzerns für Quantencomputer verborgen zwischen dicken Baumstämmen, ein perfekter Sichtschutz vor unliebsamen Beobachtern. Die Geheimnistuerei der Firma mit dem Namen Amaya ist für jeden offensichtlich.

Das Mädchen wird noch öfters in der achtteiligen Miniserie Devs auftauchen: auf Werbetafeln, auf dem Shuttle-Bus, der die Mitarbeiter zum Gelände bringt, als verschwommene Erinnerung. Das Kind ist nur der sichtbare Teil des Mysteriums, das den undurchsichtigen Konzern umgibt.

Im Mittelpunkt des aktiven Geschehens stehen die Software-Entwicklerin Lily Chan (Sonoya Mizuno) sowie ihr Freund und KI-Experte Sergei (Karl Glusman). Der bekommt eine neue Anstellung bei der streng geheimen Abteilung "Devs", nicht einmal die Mitarbeiter aus anderen Bereichen von Amaya wissen, was hier eigentlich erforscht wird. Sergei erfährt es, nur anvertrauen darf er sich keinem, nicht einmal seiner Freundin Lily. Was all die Geheimniskrämerei rechtfertigt?

Sergei wird es niemandem mehr verraten können, denn am Abend des ersten Arbeitstags wird er auf dem Nachhauseweg ermordet. Dass hier etwas ganz gewaltig nicht stimmt, merkt der Zuschauer bald, darüber täuscht auch das naiv-niedlich dreinschauende Mädchen nicht hinweg.

Devs fühlt sich an wie eine hochspannende Stippvisite in einem Parallelentwurf von Silicon Valley - und nicht nur die Protagonistin Lily entwickelt bei diesem Versteckspiel auf der Suche nach der Wahrheit einen Verfolgungswahn. Ständig scheinen die Figuren den Blick über die Schulter und um die nächste Ecke zu werfen, wo sie das neueste Geheimnis aus der Welt der Tech-Konzerne aufdecken. Aus Sorge um die nahbaren Figuren möchte man sie am liebsten aus dem dunklen Märchenwald zurück in die Großstadt versetzen: Raus aus der direkten Konfrontation mit den Machenschaften Amayas, rein in den Schutzmantel San Franciscos, um dort unbehelligt abzutauchen. Das würde die Serie aber nur halb so sehenswert machen.

Denn der Regisseur und Autor Alex Garland vermag technologische und futuristische Dystopien nahezu perfekt zu inszenieren , das haben bereits seine früheren Werke Ex Machina und Auslöschung gezeigt. In beiden Filmen nehmen die Protagonisten genau wie Sergei in Devs mit großer Neugier an Expeditionen und Forschungen teil, gleichermaßen geht anfängliches Staunen über in unerwartetes Grauen. Untermalt wird das Ganze auch in Devs mit verschroben klackernden Tönen und visuell mit teils hypnotisierenden Lichtspielen, die an den futuristischen Bauten von Garlands Filmwelten entlang tänzeln. Wunderschön anzusehen, während die Figuren Schreckliches erleben.

Nie verstrickt sich Garlands neuestes Werk in technologischen Einzelheiten, denen nur Informatiker Sehvergnügen abgewinnen könnten - das würde das Publikum für eine so hochspannende und sehenswerte Serie zu sehr einengen. Die Forschung Amayas wirft nämlich philosophische Fragen auf, die so bedeutend für die Menschheit sind, dass Sergei an seinem ersten und letzten Arbeitstag bei "Devs" anmerkt: "Das ändert einfach alles." Nicht ohne Grund ist das Wahrzeichen von Amaya kein baumhoher Supercomputer, sondern eben die übergroße Statue eines Mädchens, ein menschliches Wesen.

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SZ/tyc/ebri
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