Serie "Deutschland 86" Mondän wie sonst vielleicht nur das "Traumschiff"

Der Agent Martin Rauch (Jonas Nay) und seine Kollegin Lenora Rauch (Maria Schrader) in der Serie "Deutschland 86".

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Deutschland 86 ist so mondän wie sonst nur das Traumschiff. Das fremde Land ist nicht mehr Westdeutschland, sondern Südafrika.
  • Die Serie hat sich zum Glück von dem erbaulich-pädagogischen Auftrag für historische Stoffe befreit. Sie ist leicht ironisch und macht Spaß.
  • Deutschland 86 läuft ab sofort bei Amazon.
Von Nicolas Freund

Als Deutschland 83, die Serie um den bei der Bundeswehr eingeschleusten DDR-Agenten Martin Rauch (Jonas Nay), bei der Berlinale 2015 Premiere feierte, war die Mission klar: Schluss mit verschnarchten Krimireihen, Schluss mit gefälligen Vorabendformaten, hier kommt das neue deutsche Fernsehen. Schnell, schick und klug erzählt, wie die internationalen Vorbilder. Der Sender RTL, der Produzent Nico Hofmann und die amerikanische Autorin Anna Winger wollten eine Erfolgsserie vom Reißbrett. Solche großspurigen Vorsätze funktionieren eigentlich nie. Trotzdem wurde Deutschland 83 noch vor dem Start in die USA verkauft - eine kleine Sensation. Zu Hause bei RTL interessierte sich dagegen kaum jemand für die Liebes- und Agentenabenteuer zwischen BRD und DDR, Amazon sprang ein. Das lineare deutsche Privatfernsehen wurde von einem internationalen Streamingdienst abgelöst. So souverän hat sonst noch kein Format die kleine deutsche Fernsehlandschaft hinter sich gelassen.

Die neue Staffel, die drei Jahre nach der ersten spielt und folgerichtig Deutschland 86 heißt, ist jetzt so mondän wie sonst vielleicht nur das Traumschiff. Schauplätze sind nicht mehr (nur) Berlin, Braunschweig und Kleinmachnow. Der Westen, das fremde Land, ist jetzt Afrika. Nachdem er in der ersten Staffel einen Nato-Stützpunkt infiltriert hatte, versteckt sich Geheimagent Martin Rauch in Angola vor BND und CIA. Seine Tante Lenora (Maria Schrader) fädelt derweil im Auftrag der DDR zwielichtige Waffengeschäfte in Südafrika ein. Im Südafrika der Apartheid herrscht strenge Rassentrennung, die Grenze verläuft hier nicht durchs Land, sondern durch die Institutionen, Behörden und den gesamten Alltag. Zu Hause gibt es außerdem noch andere Probleme als die gesellschaftliche Trennung: Die DDR braucht dringend Geld. Weiter hinterm Eisernen Vorhang, in Rumänien, brodelt es schon gewaltig. Zur Stabilisierung des Sozialismus sind alle Mittel recht, deshalb ist Anke Engelke als sparsame Finanzbeamtin auf Parteilinie neu zur Besetzung hinzugestoßen. Sie darf an hübsch vollgequalmten Funktionärssitzungen teilnehmen, in denen besprochen wird, ob eher kollektives Sternegucken oder ein dem Klassenfeind abgekauftes gebrauchtes Kreuzfahrtschiff das Zeug hat, die Massen ruhigzustellen.

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In der ersten Folge fasst ein Erklärfilm wie in der Sendung mit der Maus noch mal zusammen, wie genau das mit Südafrika, den beiden Deutschlands und dem UN-Embargo für Waffenexporte ist. Trotzdem hat sich die Serie zum Glück von dem erbaulich-pädagogischen Auftrag für historische Stoffe befreit. Deutschland 86 ist nicht für die letzte Geschichtsstunde vor den Ferien gemacht, sondern darf leicht ironisch sein und einfach Spaß machen. Die Assoziation zwischen dem Apartheidsystem und dem geteilten Deutschland ist zwar etwas haltlos, innerdeutsche Konflikte in die Welt zu tragen ist aber ein erfreulich unverkrampfter Umgang mit dem Stoff, ohne ihn über Gebühr zu verharmlosen. Solche Ambitionen sind für eine deutsche Produktion noch immer die Ausnahme.

Deutschland 86, bei Amazon.

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