Serie "4 Blocks" "Berlin gehört jetzt uns"

In der zweiten Staffel dürfen Frauen stärker sein, zumindest vorübergehend: Almila Bagriacik als heimlich boxende Amara mit Rapper Massiv als Latif.

(Foto: TNT)
  • Die Saga über den kriminellen Neuköllner Hamady-Clan wurde schon vor ihrem Start im vergangenen Jahr viel gelobt und danach mehrfach ausgezeichnet.
  • Die neuen Folgen setzen ein Jahr später an, im Mordprozess gegen Clan-Chef Toni.
  • Die große Stärke der Serie ist nach wie vor ihre Hauptfigur Toni, den die Autoren noch etwas vielschichtiger weiterentwickelt haben.
Von Kathrin Hollmer

Die Fotografenmeute ist noch nicht Meute genug. "Schlafen die?", fragt Oliver Hirschbiegel. Der Regisseur (Der Untergang) geht zu den Komparsen, die im Gerichtssaal auf den Angeklagten Abbas Hamady warten und ihn mit ihren Kameras belagern sollen. Etwas drängender noch, gieriger. Und bitte. Die Kamera folgt Abbas' mächtigem Nacken. Betont langsam schreitet er in den Gerichtssaal. Dann blitzen die Kameras.

Ein Samstag im Februar, Drehtag Nummer 16 für die zweite Staffel von 4 Blocks im Kammergericht Schöneberg. Die Saga über den kriminellen Neuköllner Hamady-Clan wurde schon vor ihrem Start im vergangenen Jahr viel gelobt und danach mehrfach ausgezeichnet. Die neuen Folgen setzen nun ein Jahr später an. Abbas (Veysel Gelin), Bruder von Clan-Chef Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), hat in der ersten Staffel einen Polizisten getötet und steht vor Gericht. Toni, bisher Clan-Chef wider Willen, hat Gefallen an seiner Rolle gefunden. "Wir sind keine Mörder", sagte er am Anfang. Am Ende der ersten Staffel hat er selbst getötet.

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Eigentlich wollte Clanchef Toni bürgerlich werden. Stattdessen spielt er jetzt "Champions League"

"Wenn die Pässe da sind, ich werd der deutscheste Deutsche", hat er gesagt, es ist der bekannteste Satz aus der ersten Staffel. Toni träumte von einem bürgerlichen Leben. Nun hat er seinen Pass, kann sich Häuser und Grundstücke kaufen und kommt doch nicht an in der Gesellschaft und damit auch nicht raus aus seiner kriminellen Haut. Und die Geschäfte laufen gut.

Seine ehemaligen Kokslieferanten, die al-Saafis, eine Art Upperclass-Clan, die Tonis Familie in Libanon als Ziegenhirten verspotten, verdrängt er vom Berliner Markt. In seinem neuen Haus kann man durch den Wohnzimmerboden in den Pool im Keller gucken. "Berlin gehört jetzt uns", sagt Toni. "Ab jetzt spielen wir Champions League." Der Aufstieg hat natürlich seinen Preis: Es beginnt ein Bandenkrieg mit den al-Saafis. Seine Frau Kalila (Maryam Zaree) ist mit ihrer Tochter vorübergehend ausgezogen. Auch clanintern kriselt es. Den Konflikt zwischen dem gemäßigten Toni und seinem skrupellosen Bruder Abbas will der Polizist Kutscha (Oliver Masucci) ausnutzen, um den Clan zu zerschlagen.

Oliver Hirschbiegel, der am Set in Schöneberg die realitätsnahe erste Staffel lobt, führt in den ersten drei neuen Folgen Regie, Özgür Yıldırım (Nur Gott kann mich richten) in den restlichen vier. Hirschbiegels Schützling Marvin Kren, der maßgeblich für die Qualität der ersten Staffel verantwortlich war, hat die Regie aus Zeitgründen (er inszeniert für Netflix) abgegeben und war als Executive Producer unter anderem bei Casting und Buchentwicklung dabei. Auch die neuen Folgen tragen seine Handschrift, in ihrem Realismus und der Bildsprache. Zu Beginn, wenn Toni sich von Geld und Macht verführen lässt, setzt Hirschbiegel das in brillante, klare Bilder um. Die Folgen von Yıldırım sind roher, wilder und erinnern stärker an die erste Staffel. Eine wichtige Rolle spielt erneut die Musik. Die Rapper Veysel Gelin, Massiv (als Tonis Schwager Latif) und Gringo spielten schon in der ersten Staffel mit, in den neuen Folgen auch die Rapperin Eunique und der Rapper Gzuz. Die Musiker sind auch am Soundtrack beteiligt.

Von Beginn an wurde 4 Blocks mit der legendären US-Gangster-Saga The Sopranos und der neapolitanischen Mafia-Serie Gomorrha verglichen, der die neuen Folgen noch mehr ähneln, weil sie noch weniger Gangsterromantik haben als die erste Staffel. Schon damals gab es den Vorwurf, die Serie verharmlose Verbrechen. In den neuen Folgen zahlt sich das Verbrechen finanziell aus, harmlos ist da nichts.

Bei der Grimme-Preisverleihung im April thematisierte die Kalila-Darstellerin Maryam Zaree auf der Bühne, dass die Frauenrollen in der Serie noch "nicht ganz so ausgeschöpft" worden sind. "Das liegt natürlich an den Strukturen, und deshalb brauchen wir ganz dringend Autorinnen, Regisseurinnen und Filmemacherinnen, weil wir 2018 haben", sagte sie. Buch, Regie und Kamera sind zwar in Männerhand geblieben, die Frauenfiguren, die in der ersten Staffel nur angeschnitten worden sind, sind dennoch größer. Die Frauen dürfen stärker sein, zumindest vorübergehend. Kalila arbeitet als Übersetzerin in einer Flüchtlingsunterkunft und beeinflusst Toni. Seine Schwester Amara (Almila Bagriacik) geht heimlich boxen.

Die große Stärke der Serie ist nach wie vor ihre Hauptfigur Toni, den die Autoren Hackfort, Kropf und Konrad noch etwas vielschichtiger weiterentwickelt haben. Die Beruhigungstabletten spült er mit Wodka runter, während im Raum jemand erdrosselt wird, trinkt er Tee. Danach füttert er mit seiner Tochter im Streichelzoo Schafe und verspricht im Sitzkreis beim Elternabend, die Klassenfahrt für die Kinder zu zahlen, deren Eltern sie sich nicht leisten können. 4 Blocks ist auch eine Geschichte vom Dazugehörenwollen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

4 Blocks, sieben Folgen, TNT Serie, ab 11. Oktober

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