The Path Rette sich, wer kann!

Die Serie erzählt von einem Ehepaar, das in eine unheimliche Sekte abrutscht.

Von Benedikt Frank

Die Familie ist zum Essen versammelt. Man hält sich an den Händen, viele Stimmen beten im monotonen Rhythmus. Eine Szene, wie sie ähnlich in vielen Familien stattfinden könnte. Doch die Worte klingen ungewohnt, verschieben das vertraute Bild ins Fremde. Es geht in dem Gebet um den Aufstieg auf einer "Leiter der Erleuchtung". Von der Wand schaut ein riesiges Auge auf die Tafel herab.

Die Serie The Path ist hochkarätig besetzt mit Aaron Paul (Breaking Bad) als Eddie Lane und Michelle Monaghan (True Detective) als seiner Frau Sarah. Ihre Familie betet so eigenartig, weil sie einer Sekte angehört, den Meyeristen, benannt nach Steve Meyer, der in den 1970ern eine brennende Leiter zur Erleuchtung erklommen haben soll.Sein Evangelium heißt folglich "Die Leiter". The Path ist aber nicht das übliche pädagogische Werk, das nur den Zweck erfüllen soll, vor solchen Gruppen zu warnen. Die Figuren der Serie sind keine Spinner, sondern Normalos, die nur wie nebenbei im falschen System leben.

Die Meyeristen gibt es nur in der Fiktion, reale Vorbilder sind aber offensichtlich. Die Leiter gibt eine strenge Hierarchie vor. Gläubige durchlaufen mehrere Stufen der Erleuchtung. Wer sich nicht unterwirft, gilt als Feind. Auch der Zwang zur ständigen Beichte erinnert an Scientology. Nur statt der Science Fiction-Fantasie L. Ron Hubbards folgen Eddie und Sarah der oberflächlich etwas netter wirkenden New Age-Esoterik des Gurus Meyer.

Eddie zweifelt. Bequemere Drehbuchautoren hätten aus ihm einen Klischeehelden gemacht, der seine Familie aus den Fängen der Sekte rettet. The Path, erdacht von Jessica Goldberg, beobachtet über zehn Folgen lieber die Auswirkungen von Glauben auf Beziehungen.

Schnell gibt Eddie auf, die Sekte grundsätzlich zu hinterfragen. Zwar glaubt er nicht mehr an deren Dogmen, möchte aber Teil der Gemeinschaft bleiben. Im Grunde versucht er also so zu leben, wie es die meisten Mitglieder einer Kirche tun: die grundsätzlichen Regeln akzeptieren, an den Ritualen teilnehmen, aber die religiöse Überzeugung privat auslegen, statt etwa päpstlichen Dekreten im Wortlaut zu folgen.

Die Strenge der Sekte wirkt in The Path als Katalysator, der verallgemeinerbarere menschliche Probleme zuspitzt. Eddies Frau Sarah ist eine aufrichtige Gläubige, kein zynisch taktierender Machtmensch, wie andere Höhergestellte in der Organisation. Ist es von Eddie nun rücksichtsvoll, seine Zweifel zu verschweigen, um die Beziehung nicht zu gefährden, oder betrügt er seine Liebe damit erst Recht?

The Path weigert sich, seine Protagonisten in einfache moralische Schubladen zu stecken. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil vor allem Eddie mit Aaron Paul großartig besetzt ist. Innere Zerrissenheit lag ihm schon bei Jesse Pinkman aus Breaking Bad. Überzeugen kann The Path, weil die Serie mit viel menschlicher Nähe gekonnt in Szene setzt, wie das Leben ihrer Charaktere zerfällt, während sie versuchen, es zu retten. Doch jede ihrer Entscheidungen verzögert das unaufhaltsame Ende bestenfalls.

The Path, abrufbar auf Amazon Prime.