bedeckt München 17°

Preis für österreichischen Kanzler:Das große Staunen

20210406 Corona measures. Talks by government with experts - opposition - state governors - Press conference afterwards

"Kommunikator der Freiheit" und "offener Mittler"? Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz vor wenigen Tagen im Bundeskanzleramt in Wien.

(Foto: Martin Juen/imago images/SEPA.Media)

Sebastian Kurz erhält den "Freiheitspreis der Medien", hinter dem der ehemalige "Cicero"-Chef Wolfram Weimer und seine Frau Christiane Goetz-Weimer stecken.

Von Cathrin Kahlweit

In Wien hat man die Nachricht, dass Kanzler Sebastian Kurz in Deutschland von der Weimer Media Group, einem mittelständischen Verlag, einen "Freiheitspreis der Medien" überreicht bekommen soll, mit einiger Überraschung quittiert. Kurz hat einen Ruf als talentierter Kommunikator und konservativer Erfolgs-Politiker, aber als Garant der Medienfreiheit war er im Laufe seiner Zeit als Integrationsstaatssekretär, Außenminister und Kanzler eher weniger aufgefallen.

Kurz ist ein Meister im Umgang mit Medien, so viel ist wahr, sein Kommunikationsapparat ist größer als der von jedem Kanzler vor ihm. In Österreich wird dennoch häufiger über die ausgefeilte Message Control des Kanzlerteams und die vielen Interventionen berichtet, mit denen in den Redaktionen inhaltliche Korrekturen im Sinne der ÖVP erwirkt werden sollen, als dass sich der Eindruck vermittelt hätte, den die Mediengruppe des ehemaligen Welt-, Focus- und Cicero-Chefredakteurs Wolfram Weimer offenbar von Kurz hat: Dieser sei ein "Brückenbauer", "Kommunikator der Freiheit", "Versöhner" und "offener Mittler".

Wird ihm nicht immer wieder vorgeworfen, mit Viktor Orbán oder Janez Janša zu fraternisieren?

Kurz bemühe sich, heißt es, um einen Ausgleich der zunehmenden Spannungen innerhalb der EU. Der engagierte Europapolitiker agiere immer wieder als Versöhner unterschiedlicher Interessen und weltpolitischer Anschauungen. Auch das hat in Wien, zumindest bei Kurz-Kritikern und Kurz-Kennern, einiges Erstaunen ausgelöst. Hatte der Kanzler nicht gerade erst mit seiner Parteinahme im Streit um die Impfstoffverteilung in der EU mehr Gräben aufgerissen als zugeschüttet? Und wird ihm nicht immer wieder vorgeworfen, mit schwierigen Kollegen wie dem Ungarn Viktor Orbán oder dem Slowenen Janez Janša zu fraternisieren? Die Weimers sehen das offenbar anders.

Weimer hat gemeinsam mit seiner Frau Christiane Goetz-Weimer, einer ehemaligen FAZ-Redakteurin, ein Unternehmen gegründet; dies vergibt den Medienpreis und veranstaltet einen "Ludwig-Erhard-Gipfel". Empfänger der Ehrung waren unter anderem Michail Gorbatschow, Reinhard Kardinal Marx, Christian Linder oder Fürst Albert II. von Monaco. Anfragen österreichischer Medien zur Zusammensetzung der Jury wurden nicht beantwortet. Das Online-Magazin Zackzack berichtet, Weimer sei Gast bei einem Treffen der ÖVP-Fraktion und der ÖVP-nahen Politischen Akademie gewesen und habe einen Vortrag über das "Wertegerüst unserer christlichen und sozialen Tugenden" gehalten. Ehrender und Geehrter kennen sich also; die politische Nähe zwischen dem Stifter des Preises und seinem Empfänger ist gegeben.

Die Opposition bezeichnete die Ehrung als "absurd". Ein Wiener Wissenschaftler, der einen Brief an das Ehepaar Weimer geschrieben hat, welcher der SZ vorliegt, fragt, ob es sich um einen "verspäteten April-Scherz" handele. Von einer Antwort ist nichts bekannt.

© SZ/hy
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema