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Scripted Reality:Trash in drei Akten

Diese Trias des Trashs lässt die Tue-so-als-ob-Folgen wie am Fließband ins RTL-Nachmittagsprogramm purzeln. All die ungeheuerlichen Schicksale von Mitten im Leben, Betrugsfälle, Verdachtsfälle, Schulermittler oder Familien im Brennpunkt entstehen hier. Damit schafft die Reality-TV-Station RTL in ihrer Kernzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen Traummarktanteile von mehr als 25 Prozent, oft sogar von mehr als 30 Prozent.

Der "große Fundus an Laiendarstellern, die von den Produzenten über Jahre hinweg aufgebaut wurden, ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg der RTL-Formate", analysiert das NDR-Duo. Die Erzählweise entspreche in der Regel der eines klassischen Dramas, so die Experten, also in "drei Akten aus Exposition, Konfrontation und Auflösung". Vulgo: Es muss nach einem Sozialaufriss zunächst einmal richtig knallen, ehe es doch zum Happy-End kommt.

Eine 30-Minuten-Folge werde vermutlich zu Stückkosten von deutlich unter 20 000 Euro hergestellt, schätzen die NDR-Leute und wissen: "Zu stark von der Wirklichkeit abweichende Geschichten werden vom Zuschauer nicht akzeptiert. Der Zuschauer muss denken, so oder so ähnlich hätte das wirklich passieren können." Die beiden NDR-Programmexperten distanzieren sich zwar vom bloßen Kopieren der RTL-Reality-Formate - dennoch sei "die fiktionale Erzählweise im Doku-Stil ein dramaturgisches Mittel, das in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnte". Grund: Sie liefere "spannende Geschichten zu einem relativ kleinen Budget". Die Schlussfolgerung: "In einer Übersetzung für die Sehgewohnheiten unserer Zuschauer könnte diese Erzählweise auch im öffentlich-rechtlichen Umfeld funktionieren."

Und das ist der Plan: Von RTL siegen lernen, ohne RTL zu sein. So schlagen die beiden Scripted-Reality-Forscher aus dem NDR-Sektor Kultur und Dokumentation ein "Pitching" zwischen den führenden Produzenten vor, um Storyline und Drehbücher entwickeln zu lassen. Danach sollten "drei oder vier Piloten" zum Testen in Auftrag gegeben werden. Wörtlich: "Die Kosten für eine solche Formatentwicklung schätzen wir auf circa 100 000 bis 150 000 Euro. Ziel wäre ein Sendeplatz im Hauptabend des NDR." Die neue Strategie heißt "Fiction light".

Aus dem Leben eines Dorfpolizisten

Welche Inhalte ideal wären, das wissen die Autoren des Geheimpapiers, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, auch schon. Es sei ja dokumentarisch schwer, das Leben eines Anwalts auf dem Lande abzubilden, Personen müssten unkenntlich gemacht oder Kameras aus dem Gerichtssaal ausgesperrt werden. Aber jeder Anwalt "oder auch ein Dorfpolizist" habe in seinen Berufsjahren viele spannende Fälle erlebt. Solche Protagonisten müssten aus ihrem Leben erzählen - Drehbuch folgt. O-Ton: "Das heißt, wir spielen diese Geschichten nach - in den Formen von Scripted Reality". Im Idealfall würden der Anwalt oder der Dorfpolizist die Rolle übernehmen, auf die eingesetzten Laienschauspieler soll im Abspann hingewiesen werden.

Carl Bergengruen, Fernsehdirektor des Südwestrundfunks (SWR), erklärte öffentlich, Scripted Reality verändere den Publikumsgeschmack, was zur "Hinrichtung" bestehender Sendungen führen würde. Noch vor einigen Jahren habe der öffentlich-rechtliche Sender Arte die Doku-Soap eingeführt, mit echten Menschen. Nun seien ARD und ZDF in der Bredouille.