Schweizer Presse:Bodenständig

Felix Graf

Felix Graf ist Physiker und derzeit Chef eines Stromproduzenten.

Die "Neue Zürcher Zeitung" hat einen neuen Geschäftsleiter. Felix Graf ist Physiker und kommt in einer Zeit des Umbruchs. Welche Rolle wird er spielen?

Von Charlotte Theile

Für viele Schweizer waren die vergangenen Monate eine Art Zeitenwende. Die Neue Zürcher Zeitung, ein Blatt mit mehr als 230 Jahren Geschichte, das mit seiner wirtschaftsliberalen, unaufgeregten Haltung auch viele Leser an sich gebunden hat, die andere politische Überzeugungen haben, orientiert sich neu. Eric Gujer, der das Blatt im Frühjahr 2015 als Chefredakteur übernommen hatte, stand zunächst für Kontinuität, schließlich hatte er Jahrzehnte als Redakteur und Korrespondent für die NZZ berichtet. Doch von Anfang an macht Gujer klar, dass er eine politische Agenda hat. Er sei angetreten, um "die Blattlinie zu schärfen", hieß es damals - doch erst in diesem Jahr ist deutlich geworden, wie weitgehend diese Veränderung für die liberale Traditionszeitung ist. Eine Wende hin zu einem konservativen, konfrontativen Kurs. An diesem Mittwoch nun war es eine eher unauffällige Meldung, die den Blick wieder einmal auf die NZZ lenkte: Felix Graf, derzeit Chef der Centralschweizerischen Kraftwerke, soll im Juni 2018 CEO der NZZ-Mediengruppe werden.

Die Schweizer Zeitung hält ihr Berliner Angebot für einen Erfolg

Von der NZZ hieß es, der promovierte Physiker bringe genügend Erfahrung aus Branchen mit, die sich, genau wie die Medienwelt, im Umbruch befänden. Daher sei er der Richtige für eine Transformationszeit, wie sie dem Blatt durch die Digitalisierung bevorstehe. Doch klar ist auch: Mit Felix Graf übernimmt ein Mann die Leitung der NZZ-Mediengruppe, der keinen journalistischen oder politischen Hintergrund hat und Chefredakteur Eric Gujer damit nicht in die Quere kommt. Bei Grafs Vorgänger, dem Österreicher Veit Dengler, war das anders. Dengler gründete in seiner Heimat sogar eine liberale Partei, Neos, die sich, wie Dengler, klar für die europäische Sache ausspricht. Im Juni 2016 wurde Dengler abgesetzt, man sei sich uneinig gewesen über die künftige Ausrichtung der Mediengruppe, hieß es zur Begründung. Kurz darauf setzte Gujer eine neue Redaktion in Berlin ein, die vor allem im Bundestagswahlkampf als rechtskonservative Stimme aufgefallen war. "Nach Deutschland, nach rechts" titelte etwa der in Zürich erscheinende Tages-Anzeiger Anfang November - und spielte damit auch auf Gujer an, der als ehemaliger Berlin-Korrespondent und langjähriger Auslandschweizer vielen in Zürich als "zu deutsch" gilt.

Die Kritik an Felix Graf ist eine andere: In der Redaktion fragte man sich an diesem Mittwoch, was ein Mann aus der Energiebranche bei der NZZ ausrichten könne - und ob Grafs Lebenslauf mit Stationen beim Bezahlsender Teleclub und beim staatsnahen Kommunikationsunternehmen Swisscom für eine staatskritische Zeitung das Richtige sei. Zudem fiel auf, dass Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod die "Bodenständigkeit" des neuen Chefs lobte. Veit Dengler galt als eher großspurig, viele seiner Projekte scheiterten. Allen voran nzz.at, der pompöse Österreich-Auftritt der Neuen Zürcher Zeitung, der im April 2017 eingestellt wurde.

In Berlin, wo die NZZ seit Juli einen weiteren Auslandsversuch wagt, geht man nun vorsichtiger vor. Statt eines 20-köpfigen Teams wie für Österreich sind hier nur drei Redakteure angestellt - doch sie zeigen recht gut, was Gujer, der seit einiger Zeit einen Deutschland-Newsletter schreibt, politisch vorhat. Und nicht nur für die Leser in Deutschland: Als die Berliner Redaktion kurz nach dem Start prominent im NZZ-Feuilleton auftrat, kündigte Gujer das stolz beim Schweizer Radio SRF 2 im Interview an. Der öffentlich-rechtliche Kultursender hatte Gujer um ein Gespräch gebeten, nachdem zahlreiche Wechsel im Feuilleton als Abbau und die Tendenz in der kulturellen Berichterstattung als Rechtsruck wahrgenommen worden waren. Auch in der linken schweizerischen Wochenzeitung wurde die Personalpolitik Gujers im Oktober thematisiert. Ehemalige Angestellte sprachen dort von Schreibverbot und einer "Säuberungswelle", unter der all jene leiden würden, die nicht zum strammen politischen Kurs von Eric Gujer passen würden. Der Chef der NZZ sieht das anders. Es gebe weder Schreibverbote, noch mangele es im Feuilleton an vielfältigen Positionen.

In der Redaktion ist vor allem Gujers Machtwille ein Thema. Der Physiker Graf wird in dieser Sicht sogar als Gegenpol zum Chefredakteur verstanden. Als kühler Manager könnte er dem Weg zu einer "Gesinnungszeitung" entgegenstehen. "Wenn wir nach rechts rücken, verlieren wir Leser. Ein CEO, der rechnen kann, ist hier durchaus ein Hindernis", vermutet ein Redakteur. Auch deshalb habe sich bis zuletzt das Gerücht gehalten, Gujer wolle die Rolle des CEOs gleich mitübernehmen.

Die offiziellen Angaben klingen anders. Auf Anfrage teilte die NZZ mit, das Engagement in Deutschland entwickle sich erfreulich. Die Verweildauer deutscher Nutzer sei um 80 Prozent, der Traffic aus Deutschland auf nzz.ch um 45 Prozent gestiegen. Auch die Abo-Zahlen lägen "über den Erwartungen", Genaueres könne man nach ein paar Monaten noch nicht sagen. So oder so: Es dürften entscheidende Monate in der Geschichte der Neuen Zürcher Zeitung gewesen sein.

© SZ vom 30.11.2017
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