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Schweizer Medien:Ausgetickert

Zusammenschluss AZ-Medien und NZZ-Gruppe in der Schweiz

Von der NZZ bis zur Basler BZ: Immer mehr Schweizer Medienhäuser verzichten auf die Zulieferung von Keystone-SDA.

(Foto: Christian Beutler/picture alliance/dpa)

Einige Zeitungshäuser in der Schweiz haben die Inland-Nachrichtenagentur abbestellt und arbeiten nun mit eigenen Tools oder Agenturen.

Von Isabel Pfaff, Bern

Wer als Nachrichtenmedium nichts Wichtiges verpassen möchte, tut in der Regel gut daran, eine Agentur zu abonnieren. Also: einen jener journalistischen Dienstleister, die mit ihrem Pool aus Reporterinnen und Redakteuren Nachrichten produzieren und diese an Redaktionen verkaufen. Zwar hat das Internet das einstige Monopol von Nachrichtenagenturen längst gebrochen, aber ohne Reuters, AFP oder hierzulande dpa kommen dennoch nur wenige Medien aus. Interessant ist vor diesem Hintergrund die Krise, in der Keystone-SDA, die nationale Nachrichtenagentur der Schweiz, steckt - und auf welche Alternativen einige der großen Schweizer Medienhäuser ausweichen.

Zuletzt hatten sich die schlechten Botschaften für die Schweizerische Depeschenagentur (SDA), die 2018 mit der Bildagentur Keystone fusioniert ist, gehäuft: Die Gratis-Pendlerzeitung 20 Minuten, so wurde im Dezember bekannt, verzichte künftig auf sämtliche Dienstleistungen von Keystone-SDA. Und auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) wolle ab 2021 ohne Texte der Agentur auskommen, bestätigte eine Sprecherin im Januar. Das Regionalmedien-Joint-Venture CH Media nutzt schon seit 2020 keine Inlandnachrichten und seit diesem Jahr auch keine Sportberichte mehr von Keystone-SDA. Damit sind drei der wichtigsten Schweizer Medienhäuser ganz oder teilweise abgesprungen. Angesichts der Entwicklungen auf dem Schweizer Medienmarkt nicht unbedingt überraschend: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Landschaft stark konzentriert. Es gibt kaum noch kleine, unabhängige Medien, stattdessen dominieren wenige große Medienkonzerne die Berichterstattung. Für Keystone-SDA heißt das: weniger zahlende Kunden. Zudem sind die Kunden teils so groß und mächtig geworden, dass sie die Mittel haben, das Agentur-Angebot mit eigenen Alternativen zu ersetzen.

"Unsere Erfahrungen mit dem Tool sind bisher sehr gut", heißt es bei der NZZ

Wie die NZZ - obwohl der stellvertretende Chefredakteur erst einmal tiefstapelt. "Wir sind noch in der Prototypen-Phase", sagt Tom Schneider, der für Entwicklung und Technologie zuständig ist. "Aber unsere Erfahrungen mit dem Tool sind bisher sehr gut." Das Tool, von dem Schneider spricht, ist ein Programm namens "News Monitoring", etwa 20 Nachrichtenredakteure der NZZ arbeiten seit Anfang des Jahres damit. Es ersetzt die Agenturmeldungen von Keystone-SDA, auf die die NZZ schon seit Längerem verzichtet. Das Programm liefert allerdings keine ausspielfertigen Texte, sondern dient den Redakteurinnen und Redakteuren lediglich als eine Art Alarmanlage. "Wir wollen nichts verpassen", erklärt Tom Schneider. "Über die Dinge, die wir für wichtig erachten, schreiben wir dann einen eigenen Text."

Die Benutzeroberfläche des Programms wirkt simpel: oben etwa ein halbes Dutzend Filtermasken, über die man zum Beispiel die Art der Quelle (primär oder sekundär) oder die Themenbereiche (Politik, Wirtschaft und so weiter) einstellen kann. Weiter unten laufen dann die entsprechenden Meldungen ein. "Das Tool liest vorrangig Primärquellen aus", sagt Tom Schneider - zum Beispiel Polizeimeldungen auf Twitter, Websites von Ministerien oder Unternehmen oder auch Presseverteiler von Parteien oder Verbänden. Zusätzlich liefert "News Monitoring" auch sekundäre Quellen, also Artikel anderer Medien. Die Meldungen sind immer tagesaktuell, eine Suche in den Nachrichten vergangener Tage ist nicht möglich. "Wir versuchen, das Programm technisch nicht zu überfrachten", sagt Tom Schneider.

Anders läuft es bei 20 Minuten und den Zeitungen von CH Media. Beide Unternehmen ersetzen Keystone-SDA ganz oder teilweise mit einer hauseigenen Agentur. 20 neue Stellen im Text- und Bildbereich hat 20 Minuten dafür geschaffen, bei CH Media, wozu Zeitungen wie das St. Galler Tagblatt oder die Luzerner Zeitung gehören, sind es zehn Vollzeitstellen.

Rentiert es sich, so viele neue Stellen zu schaffen, nur um die Agentur abbestellen zu können?

"Nach gewissen Anlaufschwierigkeiten läuft es inzwischen sehr gut", berichtet Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter von CH Media. Die Agentur-Mitarbeiter liefern News für die Ressorts Inland, Wirtschaft und Sport.

Rentiert es sich, so viele neue Stellen zu schaffen, nur um die Agentur abbestellen zu können? "Definitiv", sagt Hollenstein. Auch Tom Schneider von der NZZ, an dessen Tool derzeit drei Leute arbeiten, sagt: "Im Moment lohnt es sich." Beide Medienmacher nennen aber noch andere Gründe für ihre News-Strategie. "Die NZZ hat nicht den Anspruch, zu den Schnellsten zu gehören", sagt Schneider. Deshalb reiche aus Sicht der Chefredaktion das Monitoring-Tool für die Nachrichtenarbeit aus. Pascal Hollenstein nennt das umfassende, auf Vollständigkeit angelegte Angebot von Keystone-SDA als Problem. "Vieles, was die Agentur liefert, brauchen wir nicht, weil wir es selber machen - Porträts wichtiger Politiker zum Beispiel."

Sollten sich die News-Alternativen in den kommenden Jahren bewähren, sieht es düster aus für die nationale Nachrichtenagentur der Schweiz. Zwar hat die Regierung ihre Förderung der Agentur zuletzt von zwei auf vier Millionen Franken erhöht, und Keystone-SDA selbst hat stark Personal abgebaut, doch die strukturellen Probleme dürften bleiben.

© SZ/cag
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