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Schweiz:Mann mit Seeblick

Seit 500 Folgen und fast zehn Jahren erklärt der Rechtspopulist Christoph Blocher den Schweizern seine Sicht auf die Dinge. Von der Aufregung, die den Start der Sendung "Teleblocher" begleitete, ist heute allerdings nicht mehr viel übrig.

Von Charlotte Theile

Freitagmorgen, kurz nach halb sieben. Matthias Ackeret, Schriftsteller und Schweizer Medienbeobachter, lenkt seinen Volvo durch Zürich. Sein Handy weiß schon, wohin es geht. An die Zürcher Goldküste, nach Herrliberg, "zum Blocher". Der Blocher, den Ackeret, wenn die Kamera nicht läuft, Christoph nennt, wartet hinter einem grünen Tor oberhalb des Sees. Von drinnen, das weiß man schon jetzt, wird man eine fantastische Sicht über den Zürichsee und die Alpen haben.

Anfangs war die Aufregung groß, inzwischen ist die verpufft

Seit fast zehn Jahren sind die Schweizer jede Woche zu Gast bei Christoph Blocher, an diesem Freitag wird die Internet-Sendung Teleblocher zum 500. Mal aufgezeichnet. Vielen Zeitungen ist dieses Jubiläum Anlass für eine Rückschau: 2007, als die Sendung das erste Mal ausgestrahlt wurde, fragten sich viele, ob "so etwas" überhaupt legal sei: Dass ein Politiker 20 Minuten lang, ungeschnitten und ohne kritische Fragen befürchten zu müssen, seine Sicht der Dinge verbreiten kann. Noch dazu ein Rechtspopulist wie Blocher, der zu diesem Zeitpunkt Justizminister war - gewählt, um im Konsens mit den anderen Bundesräten zu regieren, seine Meinung hinter das Wohl des Landes zurückzustellen.

"Da kommt der Volkstribun", sagt Ackeret, als Blocher, ein Mittsiebziger im Anzug, aus dem Haus tritt. Volkstribun, dieses Wort hat man früher oft gebraucht, um Blocher zu beschreiben. Seine SVP (kurz für Schweizerische Volkspartei) hat das Land in den vergangenen 25 Jahren vor sich hergetrieben, ihre ablehnende Haltung gegenüber Europa, ihre oft fremdenfeindlichen Plakate haben die Schweiz geprägt. Und dann eine Dauerwerbesendung? Doch die erste Aufregung ist längst verpufft. Blocher und Ackeret führten jede Woche ähnliche Gespräche, eher langatmig als revolutionär. Nur für Journalisten blieb die Sendung Pflichtprogramm: Der Politiker gab hier Neuigkeiten wie seinen Rücktritt aus dem Nationalrat bekannt.

Blocher führt durch einen weitläufigen Flur. Gemälde an der Wand zeigen Schweizer Alltagsszenen, ausgehendes 19. Jahrhundert, viele Millionen Franken wert. Dahinter eine Fensterfront, die Berge rot von der aufgehenden Sonne. Blocher bestellt bei einer Angestellten Kaffee, der Kameramann baut auf der Terrasse Stühle und Beleuchtung auf. Es ist kalt, fünf Grad, aber Blocher will draußen aufzeichnen, "dann wird es wenigstens nicht zu lang".

Matthias Ackeret legt mit dem Jubiläum los, 500 Sendungen, unglaublich. Er vergleicht Teleblocher mit Donald Trumps Twitter-Kanal: Ein ungefilterter Zugang zum Denken der Mächtigen. Blocher relativiert, Twittern sei etwas anderes, diese halbfertigen Gedanken ins Netz zu posaunen, davon halte er wenig. Perfekte Rollenverteilung: Ackeret prescht vor, die Schweiz als Vorbild für den US-Präsidenten, Blocher, ganz Elder Statesman, relativiert. Eines kann sich der Schweizer aber im Vergleich zu Trump zugutehalten: Während der seine peinlichsten Tweets löscht, sind Blochers Ausrutscher abrufbar, Hitler-Vergleiche, Versprecher, Missverständnisse. 2000 Menschen haben den Kanal auf Youtube abonniert, zusätzlich wird das Format auf einem Sender in Schaffhausen übertragen.

Auch die 500. Sendung wird zur Pannen-Show. Ackeret und Blocher bitten Kameramann Claudio Ferrari ins Bild. Er leistet Folge, vergisst aber, die Kamera weiter zu zoomen. So steht Ferrari hinter Blocher und Ackeret, die ihn ausführlich loben, "höchste Zeit, dass man ihn auch mal sieht", aber Ferraris Kopf ist nicht im Bild. Gegen Mittag geht die Sendung online - und zwei Stunden später hat der Zürcher Tages-Anzeiger dem "großen Auftritt" des Kameramanns schon einen kleinen Text gewidmet.

© SZ vom 03.04.2017

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