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Schweiz:Externe Mitarbeiter

Portrait of a traditional Swiss Carnival Mask during Lucerne

Gfürchig? Mit Schweizer Bräuchen kennen sich die Bosnierinnen aus.

(Foto: Olaf Protze/Getty Images)

Gfürchig? Das Korrektorat für NZZ-Regionalmedien wie die Luzerner Zeitung liegt in Bosnien. Eine Zwischenbilanz.

Wenn es "gfürchig" zugeht, wilde "Häxä" unterwegs sind und der "Räbechüng" dem Feuertod übergeben wird, ist Fasnacht in der Zentralschweiz. Die sonst auf Hochdeutsch verfassten Lokalblätter in Luzern, Zug oder Sarnen verkneifen sich dann Helvetismen nicht mehr. Für Außenstehende wird es also kompliziert. Amela Domazet lacht am Telefon: "Am Anfang haben uns diese Wörter Sorgen gemacht, aber jetzt nicht mehr."

Amela Domazet ist Bosnierin. Sie lebt in Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska im Norden von Bosnien-Herzegowina - etwa 1000 Kilometer von Luzern entfernt. Und doch weiß sie ziemlich genau, was an Fasnacht in der Kantonshauptstadt los ist. Domazet ist Bosnien-Geschäftsführerin der Firma Tool-e-byte. Das 2014 gegründete Unternehmen hat 30 Mitarbeiter, alle sprechen fließend Deutsch, auch Domazet selbst. Ein Erbe des Krieges: Fast alle seien als Kinder nach Deutschland oder Österreich geflohen, erzählt Domazet. "Deutsch war eine Muttersprache für sie, viele mussten Bosnisch neu lernen, als sie zurückkamen."

Tool-e-byte arbeitet für deutsche Firmen, übernimmt Kundenbetreuung am Telefon oder assistiert bei der Buchhaltung. "Inzwischen liegt unser Fokus aber auf Korrektoratsarbeiten für Verlage", sagt die Chefin. Und so kam es, dass im Oktober 2017 ein Team in Banja Luka anfing, jeden Tag bis zu 100 Seiten aus Schweizer Regionalzeitungen Korrektur zu lesen.

Amela Domazets Geschäftspartner auf Schweizer Seite heißt CH Media. Der Verlag ist vergangenen Herbst aus einer Fusion der NZZ-Regionalmedien und der AZ-Mediengruppe hervorgegangen, er vereint

rund 80 Titel, darunter mehr als 20 Tageszeitungen. Domazets Team korrigiert die Regionalteile der NZZ-Zeitungen, dazu zählen etwa die Luzerner Zeitung, das St. Galler Tagblatt oder die Bieler Zeitung.

Als in der Schweiz bekannt wurde, wo CH Media künftig einige seiner Regionalteile Korrektur lesen lässt, gab es einen Aufschrei: Ausgerechnet der Verlag der ehrwürdigen, stilbildenden NZZ lasse nun aus Spargründen "Ex-Flüchtlingsfrauen" korrigieren, schrieben Zeitungen im Spätsommer 2017. "Ein gewagtes Experiment", urteilte das Magazin Medienwoche.

Umberto W. Ferrari reagiert ungehalten auf solche Einwände. "Was spricht denn eigentlich dagegen?", fragt er. "Das sind doch Vorurteile gegenüber der Sprachkompetenz der Bosnierinnen!" Ferrari ist Mitglied der publizistischen Leitung von CH Media. Er hat die Auslagerung vor rund zwei Jahren eingefädelt, damals noch als Projektleiter Druckvorstufe bei der NZZ-Gruppe.

Es habe nun mal Sparvorgaben gegeben, sagt er. Tool-e-byte, eigentlich eine deutsche Firma mit mehreren Filialen im Ausland, sei eine von mehreren Kandidatinnen gewesen. Nach einer Testphase im Sommer 2017 bekamen sie den Zuschlag. "Damit sparen wir einen substanziellen Betrag", sagt Ferrari. Wie hoch der ist, will er nicht sagen. Nur so viel: "Wir betreiben in Banja Luka kein Lohndumping." CH Media habe sich vertraglich zusichern lassen, dass die Korrektoren überdurchschnittliche Löhne erhalten. Das bestätigt auch Amela Domazet. Allerdings: Überdurchschnittlich heißt in diesem Fall mehr als 400 Euro im Monat. Das entspricht etwa einem Zehntel des Schweizer Durchschnittslohns.

Glaubt man Umberto Ferrari, kommt aus Bosnien in etwa dieselbe Qualität wie vorher von schweizerischen Korrektoren. CH Media überprüft die Leistungen von Amela Domazet und ihrem Team regelmäßig. Dabei werden fünf Seiten sowohl von bosnischen als auch von schweizerischen Korrektoren gelesen. Ferrari ist zufrieden: "Das Ergebnis ist wirklich vergleichbar." Auch aus den betroffenen Redaktionen sind kaum Klagen zu hören. Eine Lokalredakteurin, die ungenannt bleiben möchte, nennt die Fasnacht als ultimative Feuerprobe: "Da gibt es so viele Spezialausdrücke, aber uns ist da nichts aufgefallen, es lief gut." Ein ehemaliger Mitarbeiter einer Lokalredaktion berichtet zwar von gelegentlichen Fehlern bei den lokalen Ausdrücken. Aber: "Deutsch können diese Frauen vielleicht besser als viele Schweizer."

Elf Frauen und ein Mann arbeiten für Amela Domazet in dem Schweiz-Projekt. Sie haben nicht nur mehrheitlich ihre Kindheit im deutschsprachigen Raum verbracht, sondern auch Germanistik studiert. Und mittlerweile, erzählt Domazet, seien auch die anfänglichen Berührungsängste mit dem Schweizerdeutschen verflogen. Der Verlag habe das Team auf die Besonderheiten vorbereitet: Die Korrektoren arbeiten nicht nur mit einem Schweizerdeutsch-Duden, es gibt auch ein spezielles Kompendium, das die Rechtschreibung für alle NZZ-Regionalmedien regelt. Zusätzlich haben die Redaktionen für die bosnischen Korrektoren Listen mit Helvetismen und ein spezielles Fasnachts-Glossar erarbeitet. So weiß man in Banja Luka ganz genau, dass die Luzerner die traditionelle, schräg gespielte Fasnachtsblasmusik "Guuggenmusig" nennen, die St. Galler aber "Guggenmusig" schreiben.

Das "gewagte Experiment" von CH Media - es scheint gelungen zu sein. Und wird daher wohl schon bald Nachahmer finden. Bei Umberto Ferrari haben sich bereits andere Verlage danach erkundigt, wie das mit der Auslagerung genau läuft. "Wenn ich mich recht erinnere, war auch ein deutscher Verlag dabei", sagt er wolkig. Auch Amela Domazet möchte noch nichts Genaues verraten. Aber sie geht davon aus, dass Tool-e-byte bald noch mehr Kunden aus der Zeitungsbranche haben wird. Mehrere Verlage, vor allem aus der Schweiz, hätten ihre Firma getestet. "Die Zahl der hier korrigierten Seiten wird sich wohl bald verdoppeln."