Schulleiterin:Müller über soziale Medien: „Wir verlieren unsere Kinder“

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Silke Müller, Leiterin der Waldschule Hatten im Landkreis Oldenburg und Autorin. (Foto: Sina Schuldt/dpa/Archivbild)

Kinder sehen auf ihren Smartphones Pornos, Kriegsverbrechen oder Tierquälereien - ohne Wissen der Eltern. Das schreibt Schulleiterin Silke Müller in ihrem Buch „Wir verlieren unsere Kinder“. Sie fordert dazu auf, nicht mehr wegzugucken.

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Hatten (dpa) - Mit ihrem Sachbuch „Wir verlieren unsere Kinder“ will die Pädagogin Silke Müller nach eigenen Angaben Eltern, Lehrer und die Politik wachrütteln. Selbst Fünftklässler sähen nach ihren Erfahrungen auf ihren Smartphone schon Pornos, Kriegsverbrechen oder Tierquälereien, sagt die Leiterin der Waldschule Hatten im Landkreis Oldenburg der Deutschen Presse-Agentur. Eltern und Lehrer seien völlig ahnungslos, mit was Kinder und Jugendliche in Whatsapp-Gruppen, auf Tiktok oder Snapchat konfrontiert seien. „Gewalt, Missbrauch, Rassismus - Der verstörende Alltag im Klassenchat“ heißt der Untertitel des Buches, das am Dienstag im Droemer-Verlag erscheint.

Müller leitet eine Oberschule, die Kinder und Jugendliche von der 5. bis zur 10. Klasse beschult. Die 42-Jährige hält regelmäßig bundesweit Vorträge darüber, wie sich die Gewohnheiten der Schüler in den sozialen Netzwerken verändert hätten. „Ich beobachte eine zunehmende Verrohung, wie miteinander umgegangen wird“, sagt Müller. „Die moralische Hemmschwelle sinkt immer weiter ab.“ Mitschüler würden in sozialen Medien an den Pranger gestellt oder in Klassenchats Memes (Bilder mit Sprüchen) von Hitler verbreitet. In ihrem Buch beschreibt sie exemplarische, anonymisierte Vorfälle aus ihrer Schule.

Darunter ist der Fall einer 14-Jährigen, die heimlich von ihrem Freund während eines Videocalls bei erotischen Handlungen gefilmt wird. Am nächsten Tag veröffentlicht er das Video im Internet. In einem anderen Beispiel berichtet die Autorin von einer Zwölfjährigen, die während des Unterrichts mit einem erwachsenen Mann chattet, der ihr „perverse, pornografische Gedanken“ schreibt. Dabei sei es einer Gruppe von Mädchen um die Challenge gegangen, wer als erste ein „Dickpic“ geschickt bekomme, also ein Foto von einem Penis.

„Wenn man so was hört, ist man erst mal hilflos“, sagt Müller. Ihre Schule sei keine Brennpunktschule, eher „Bullerbü“. Was sie erlebe, gelte ihrer Erfahrung nach auch für andere Schulen. Ihrer Ansicht nach haben die bisherigen Maßnahmen der Medienerziehung versagt. „Wir müssen den Kindern und Jugendliche eine ethische Orientierung geben auf dem Weg zur eigenen Medienmündigkeit“, betont sie. Gefragt seien dabei Eltern, Lehrer und die Politik.

Mit ihrem Buch will sie den Verantwortlichen überhaupt erstmal bewusst machen, was bereits Neunjährige im Internet sehen. „Von vielen Eltern wird die Gefahr völlig ausgeblendet“, sagt sie. Keinesfalls wolle sie die Digitalisierung verteufeln, im Gegenteil: Vom niedersächsischen Wirtschaftsministerium erhielt sie 2021 die Auszeichnung als „Digitalbotschafterin“.

Eltern müssten verstehen, was ihre Kinder im Internet machten. Dabei sei es zum Beispiel wichtig, selbst mal ein Onlinespiel zu spielen, für das sich der Nachwuchs begeistert. „Für Eltern ist es klar, dass sie keine Fremden ins Kinderzimmer lassen würden. Aber in Bezug auf Online-Spiele, in denen über Chatfunktionen auch Übergriffe durch Fremde stattfinden können, ist das Gefahrenbewusstsein kaum vorhanden“, sagt Müller. Ihr sei es auch unverständlich, dass schon Zehnjährige ihr Smartphone abends mit ins Bett nehmen dürften.

Sie empfiehlt unter anderem Medienabende für Eltern an Schulen. An Müllers Oberschule werden dabei Videos und Textnachrichten präsentiert, die aktuell im Umlauf sind. „Jedes Mal blicken wir in schockierte Gesichter der Eltern, die uns hinterher beschämt rückmelden, dass sie um die Härte und das Ausmaß nicht gewusst hätten“, schreibt die Autorin in ihrem Buch. Zudem rät sie, an Schulen Social-Media-Sprechstunden anzubieten, in der die Schüler ihre Erfahrungen besprechen können.

© dpa-infocom, dpa:230501-99-514024/2

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