Schauspielerin Grimm und Grandezza

Nie auf die inneren Werte reduzieren lassen! Christiane Hörbiger, die Grande Dame des deutschen TV-Films, wird 80.

Von Christine Dössel

Am Anfang ihrer Karriere: Christiane Hörbiger mit Chris Howland 1955 beim Rollenstudium für ihren ersten Film Der Major und die Stiere.

(Foto: Getty Images)

Kurz vor ihrem 80. Geburtstag lässt sich die Verlegerin Lilo Maertens die Augen lasern, sie findet: "Brille macht mich alt." - "Du bist fast 80", entgegnet entnervt ihr Sohn. Darauf die Mama: "Das muss man doch nicht gleich sehen." Dem Augenarzt gegenüber hatte sie zuvor den schönen Diven-Satz gesagt: "Ich habe mich nie auf meine inneren Werte reduzieren lassen." Chapeau! Der Satz hätte von Christiane Hörbiger persönlich stammen können. Die Rolle der Lilo Maertens, anstrengende Protagonistin in der Fernsehkomödie Einmal Sohn, immer Sohn, wurde ihr von der ARD Degeto ja auch auf den eleganten Leib geschrieben. Der Film, der seit Freitag in der Mediathek zu sehen ist, ist ein Geschenk des Ersten zu Hörbigers 80. Geburtstag an diesem Samstag. La Hörbiger spielt darin mit viel Grimm und Grandezza eine offensive alte Dame von Welt und ein Stück weit sich selbst: eine Diva, die diesen Titel wahrlich verdient. Ihre Lilo Maertens ist eine "Ikone der Frauenbewegung", die dem Spießerglück des Sohnes (Sebastian Bezzel) nichts abgewinnen kann als bissige Kommentare. Die dann aber doch - spätestens nach dem Sex mit Mario Adorf - Altersmilde vor Sarkasmus ergehen lässt. Kein großer Film, aber es macht Spaß, Hörbiger darin ihre Charme- und Schelm-Register ziehen zu sehen.

Ganz auf sie zugeschnitten und eine schöne Würdigung zu ihrem Achtzigsten ist auch der schwarzhumorige Krimi Die Muse des Mörders in der Regie ihres Sohnes Sascha Bigler, der seit Montag in der ZDF-Mediathek steht. Hörbiger wieder in ihrer Paraderolle als pointiert blasierte Diva, diesmal eine Krimiautorin, deren Bestsellererfolge länger zurückliegen. Aber nun gibt es einen Mörder, der beim Töten nach ihren Büchern vorgeht, einen Copy Killer. Der Film ist so hinterfotzig durchtrieben, wie Hörbiger schauen kann. Der Dame mit dem maliziösen Lächeln und dem österreichischen Singsang ist alles zuzutrauen, eh kloar. Einmal blickt sie ungeschminkt, mit nassen Haaren in den Spiegel und nickt sich zu: "Auch noch da, hm?"

Und wie sie noch da ist! Kürzlich sagte sie der Presse, sie denke übers Aufhören nach. Dabei ist es eine Freude, dass Christiane Hörbiger, diese fein nuancierte Charakterdarstellerin mit dem edelherben Charme, im höheren Alter nun endlich mehr komische Rollen spielt. Seit ihrem furiosen Auftritt als sexgeile Göring-Nichte in Helmut Dietls Schtonk! (1992) war ja klar, welch große Komödiantin in der Tochter des Schauspielerpaares Attila Hörbiger und Paula Wessely steckt.

Wäre es nach dem Wunsch der Eltern gegangen, hätte Hörbiger Zuckerbäckerin werden sollen. Aber sie ist weggegangen aus Wien, weg vom Hörbiger-Clan, um am Schauspielhaus Zürich und anderen Bühnen ihr eigenes Profil als Schauspielerin zu entwickeln. Dem Theater ist sie spätestens nach ihrem Erfolg in der ZDF-Serie Das Erbe der Guldenburgs in den Achtzigern abhanden gekommen. Leider. Aber als TV-Schauspielerin gehört sie zu jener Extraklasse, die für Qualität und Würde bürgt. Sie hat zuletzt oft auch das eigene Älterwerden in schonungslosen Darstellungen von Frauen in sozialen Problemlagen thematisiert. In Auf der Straße spielte sie eine Obdachlose, in Wie ein Licht in der Nacht eine Alkoholikerin, in Die letzte Reise eine Seniorin, die selbstbestimmt sterben will. Auch in solchen Rollen ist und bleibt sie die stolze Grande Dame des deutschen Fernsehens.