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Schauspieler Jeff Wilbusch:Die Rückkehr

Unerträgliche Kälte: Der deutsch-israelische Schauspieler hat mit 13 Jahren seine Familie und deren ultraorthodoxe Gemeinschaft verlassen. In der Netflix-Serie "Unorthodox" ist er nun wieder genau dort.

Die Gelegenheit, in die Rolle des ärgsten Peinigers aus der eigenen Kindheit zu schlüpfen, bekommt man selten. Dazu muss man entweder eine Therapie machen. Oder Schauspieler sein, wie Jeff Wilbusch. Der 32-jährige Deutsch-Israeli ist ab Donnerstag als ultraorthodoxer Jude Moishe in der Netflix-Serie Unorthodox zu sehen. Darin macht er sich mit seinem Cousin auf die Suche nach dessen ausgebüxter Ehefrau.

Das Aberwitzige an Wilbuschs Geschichte ist, dass er als Schauspieler am Anfang einer internationalen Film- und Fernsehkarriere also einen skrupellosen Typen spielt. Einen, wie er ihn aus seiner Vergangenheit nur zu gut kennt, weil er selbst in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft aufgewachsen ist, aus der er mit gerade mal 13 Jahren ausbrach. Wilbusch erzählt seine Geschichte bei einem gemeinsamen Streifzug durch Berlin.

Man habe versucht, ihn zu erpressen und zur Umkehr zu zwingen, erzählt er

Seit zweieinhalb Jahren lebt er in der Stadt. Die Sätze sprudeln, Wilbusch schweift oft ab. Seine Stimme klingt dunkel und voll, immer wieder zitiert er Sprüche aus der Thora auf Jiddisch und aramäisch. Man spürt, dass es ihm schwerfällt, seine Geschichte zu erzählen. Und die Geschichte seines Widersachers, dessen Position er für die Serienrolle übernimmt. Letztlich führen beide Geschichten weit zurück in die Vergangenheit, in Kindheiten in einer ultraorthodoxen Gemeinde.

Im indischen Restaurant die Ouvertüre: die Vorgeschichte sämtlicher illusterer Vorfahren. In Wilbuschs Neuköllner Lieblingscafé und einer türkischen Bäckerei folgt die Geschichte der Eltern, die zum orthodoxen Judentum konvertiert sind. Als die Bäckerei schließt, scheint dem Schauspieler der McDonalds am Hermannplatz der richtige Platz für die sehr schmerzhaften Kindheitserinnerungen zu sein. Bei grellem Neonlicht und grünem Tee aus Pappbechern sitzen rundherum arabischsprechende Männer, eine weinende Frau mit einem riesigen Koffer, Teenager mit ihren Smartphones. In diesem geschäftigen Transitraum, in dem ein grimmiger Security-Mann Gäste ermahnt, wenn sie nichts bestellen, erzählt der große dunkelhaarige Mann seine Geschichte schließlich zu Ende.

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Schönster Tag des Lebens? Shira Haas und Amit Rahav als Hochzeitspaar in der Miniserie Unorthodox.

(Foto: Anika Molnar/Netflix)

Dass er so intensiv mit seinen Erinnerungen konfrontiert wurde, hing mit zwei Frauen zusammen, Anna Winger und Alexa Karolinski, den Autorinnen des großen Serienprojekts. Sie waren auf der Suche nach Schauspielern, die Jiddisch sprechen, erzählt Wilbusch. Als sie ihm bei einem Treffen die Handlung von Unorthodox präsentierten, habe er sofort gesehen, wie sehr die Geschichte seine eigene spiegelt. Die Serie beruht auf Deborah Feldmanns gleichnamigem autobiografischen Bestseller, in dem die Autorin ihren Ausstieg aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft beschreibt. Unorthodox spinnt Feldmanns Memoiren weiter, springt zwischen der Vergangenheit der Hauptfigur Esty (Shira Haas), ihrer ultraorthodoxen Vergangenheit als Ehefrau in den dunklen Williamsburger Innenräumen und der freizügigen Gegenwart hier im hippen Multikulti-Berlin hin und her. Und gibt beklemmende Eindrücke von der abgeschotteten Lebenswelt, in der die Frauen als Gebärmaschinen dienen, "um die sechs Millionen zurückzuholen", wie Etsy es einmal formuliert, aber auch berührende vom Zusammenhalt dieser Gemeinschaft. Es geht darum, wie schwierig es ist, sich aus dieser zu lösen, wie Estys ebenfalls ausgestiegene Mutter feststellt: "Es gibt immer einen Moishe, der einen verfolgt und einem glauben macht, dass man es nicht schafft, in der Welt außerhalb der Community zu überleben."

Moishe sei in der Serie so etwas wie der "Mann für die dreckigen Angelegenheiten", sagt Wilbusch. Dieser werde vom Rabbi immer dann eingesetzt, wenn in der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, etwas schieflaufe. "Eine tragische Figur. Ein Getriebener, ein Spieler. Er hat beide Welten gesehen, aber erkannt, dass er es nicht allein schafft. Außerhalb der Gemeinde fällt er in die Sucht. Denn niemand wartet da draußen auf ihn." Eine Figur, in der sich die gesamte Ambivalenz des orthodoxen Judentums spiegelt. Mehrmals, sagt Wilbusch, hätten Leute wie Moishe versucht, ihn nach seinem Ausstieg zu manipulieren, emotional zu erpressen und zur Umkehr zu bewegen.

Mit 13 Jahren kehrte der in Haifa geborene Isroel Iftach Wilbuschewitz seinen Eltern und den damals neun jüngeren Geschwistern (heute sind es 13) den Rücken. Er hielt es einfach nicht mehr aus in Mea Shearim, dem Viertel in Jerusalem, in dem die Ultraorthodoxen abgeschottet leben, so erzählt er es heute. Seine Eltern waren hier selbst lange Fremde. Sie waren Kinder von deutschen Juden, deren Familien vor den Nazis geflohen oder im Holocaust umgekommen waren, stammten aber aus Kreisen, in denen Religion keine Rolle spielte. Der Vater traumatisiert, er hatte im Libanonkrieg gekämpft.

Jeff Wilbusch spielt Moishe – und erlebt dabei seine eigene Geschichte.

(Foto: Netflix)

Beide suchten nach Halt, sie fanden ihn schließlich in der Religion. Von früh an hatte er das Gefühl, dass diese Eltern mit ihm, dem aufgeweckten Jungen, nicht zurechtkamen. Zu neugierig, zu wissbegierig, zu frech. Seine Kindheit bestand aus paradoxen Regeln, die er nicht begriff: "Katzen sind so süß, wieso darf ich sie nicht streicheln? Oder: Wieso muss ich von morgens bis abends in der Schule stillsitzen, obwohl ich den Stoff schon verstehe? Ich wollte nicht provozieren, ich habe nur echte Fragen gestellt", sagt Wilbusch. Die Überforderung mit ihrem ältesten Sohn hätten die Eltern mit übermäßiger Strenge und Härte kompensiert, detaillierter will er sich dazu nicht äußern. Und weil aus ihrer Sicht der Makel ihrer - aus orthodoxer Sicht minderen - Herkunft auf der Familie lastete, versuchten sie diesen durch besondere Frömmigkeit wettzumachen.

Die Wilbuschewitz hätten ein radikales Orthodoxisierungs-Programm inklusive Kindererziehung auf Jiddisch durchgezogen, erzählt Wilbusch. "Meine Eltern wollten unbedingt, dass wir Kinder Jiddisch sprechen, bekamen es selbst aber nicht gut hin. Ich habe mich immer für das Jiddisch meines Vaters geschämt. Wir waren nie zugehörig." Ein Gefühl, das er bis heute nicht ganz abgelegt hat, wie er sagt.

"Die chassidische Gemeinde wird immer Teil meiner Identität sein"

Dann zeigt das Foto von einem kleinen orthodoxen Jungen mit Kippa, der unglücklich und ernst dreinschaut. Das Foto sei bei seiner Bar Mizwa aufgenommen worden, sein Bruder habe sich gewünscht, dass er wenigstens an diesem Tag ein Mal lächle. Das war, kurz bevor der unglückliche Junge verschwand.

Wenn der sprachgewandte Schauspieler seine irrwitzige Lebensgeschichte erzählt, versiegt manchmal seine Stimme, aber nur kurz, im nächsten Moment sprudeln dann die Worte wieder hervor, als sei es ihre Aufgabe, die Vergangenheit zu bannen. Und man staunt: Über die Reife, Zähigkeit und Wissbegier eines jungen Mannes, der nach seiner Flucht abwechselnd bei nicht-religiösen Verwandten, im Internat, hinter einem Gemüseladen lebte, und es schaffte, in fünf Jahren die gesamte weltliche Schulbildung aufzuholen und das Abitur zu machen.

Später studierte Wilbusch in den Niederlanden Wirtschaftswissenschaften und Schauspiel in Israel und Deutschland. Vielleicht verdankt er seinen Lebensweg auch einer gewissen Chuzpe: Ohne ein Wort Deutsch zu können, bestand der Wilbusch die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule für Darstellende Kunst in München, wo er noch während seiner Ausbildung Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen wurde und anschließend ans Residenztheater wechselte. 2011 war das. Heute spricht er nahezu akzentfrei Deutsch.

Erste kleinere Film- und Fernsehrollen folgten 2018 unter anderem in der ersten Staffel von Bad Banks und in der BBC-Serie The Little Drummer Girl, in der er einen deutschen Terrorristen spielte. In seiner ersten Serien-Hauptrolle Moishe zu verkörpern, sei für ihn sehr therapeutisch gewesen, weil das Spielen ihm die Gelegenheit gebe, die andere Seite zu betrachten, sagt Jeff Wilbusch.

Dass er seine Geschichte heute erzählen kann, hat auch mit einer überraschenden Wende zu tun: Bis er 21 Jahre alt war, durfte er keinerlei Kontakt zu seiner Familie haben, die inzwischen weit weg von der Schmach in Israel lebte und Teil der Satamar-Gemeinde in Manchester geworden ist. Zum ersten Mal sah er alle bei der Hochzeit seiner Schwester 2008 wieder. Seine jüngsten Geschwister hatte er bis dahin nicht gekannt. Danach folgten wieder viele Jahre ohne Kontakt. Das schlechte Gewissen, seine Geschwister verlassen zu haben, belastet ihn bis heute. Aber ausgerechnet kurz vor Drehbeginn von Unorthodox kam der Kontakt mit seiner Familie wieder zustande. "Die Serie hat mir geholfen, wieder Empathie für diese Gemeinschaft zu entwickeln", sagt er. Es sei ihm wichtig, den Kosmos, aus dem er kommt, nicht zu verunglimpfen. "Die chassidische Gemeinde wird immer Teil meiner Identität sein." Er vermisse sie sogar hier, auf den Straßen Berlins.

© SZ vom 25.03.2020
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