bedeckt München
vgwortpixel

Schauspieler Harald Krassnitzer:"Die innere Wertschätzung ist ein Hund"

Er schlafe nicht gern, bestätigt er, dabei vergehe zu viel ungenutzte Zeit. Lieber lesen, recherchieren, neue Themen suchen, spannende Menschen finden. Politik ist sein Thema, überhaupt will es scheinen, als spreche der bekennende Sozialdemokrat lieber über die Vermögenssteuer oder die "Kukuruz-Wette" zwischen dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow und dem österreichischen Politiker Leopold Figl (wer das genauer wissen will, sollte Krassnitzer nicht um ein Autogramm, sondern um die ganze großartige Geschichte bitten), als über seinen nächsten Film. Der heißt übrigens Drama am Gipfel, Teil 2 läuft Mitte Januar in der ARD.

An diesem Tag kommt er gerade aus Wuppertal, wo er mit seiner Frau, der Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, und ihrem Sohn lebt. In der Nähe ihrer Eltern, der Sohn geht auf die Waldorfschule. Wuppertal passt zu Krassnitzer - es sei geerdet, "befreiend", sagt er. "Nicht nur die Sonnenseite" des Lebens.

Auch er selbst kommt ja aus einer Arbeiterfamilie, aus "prekären Verhältnissen", in denen es schon als Aufstieg galt, wenn die Hände abends mit Tinte und nicht mit Maschinenöl verschmiert waren. Speditionskaufmann hat er gelernt und war "zutiefst unglücklich". Matura, gar ein Studium, hieß es daheim, "das schaffst du ja doch nicht". Damit hadert er bis heute.

Sparringspartnerin am Set

Er konnte sich retten, weil ihn jemand in eine Laienspielgruppe einlud und damit eine "innere Tür der geheimsten Wünsche" geöffnet hat. Ganz klar war: Das muss es sein, weg hier, spielen, leben, lernen. Aber die Selbstzweifel blieben. Keine akademische Ausbildung, alles nachgeholt, nachgelesen, nachgefragt. Dem Leben hinterhergerannt. Nie alles aufgeholt. Wie auch? "Ich habe", sagt er so zweifelnd wie vorsichtig, "einen Beruf und habe doch keinen". Denn was ist das Theater, das Fernsehen? Was kann es bewirken? Menschen berühren, amüsieren, das ist gut, aber was kann es bewegen? Krassnitzer, der Schauspieler, findet, auch diese Kunst kann wichtig sein. Krassnitzer, der Suchende, sagt: "Die innere Wertschätzung ist ein Hund."

Vor einigen Wochen ist sein Wiener Tatort über osteuropäische Vorstadtprostituierte als Lohnsklaven gelaufen, mit riesigem Erfolg. Das hat ihm gefallen, es war mehr als ein Film, mehr als eine Story, es war der geplante Sturz aus dem Elfenbeinturm in die Realität. Und nicht das, was der Schauspieler selbst empört "Pseudo-Hyperaktualität" nennt. Die nächsten Drehbücher handeln von der iranischen Atommafia und von Kinderpornografie; immer dabei die großartige Adele Neuhauser als Bibi Fellner. Er sei nicht gut im "Helden spielen", sagt er, da helfe es, dass er mit Neuhauser so gut lachen könne, politisch sei sie auch. Das ist ein Glück, denn so hat er eine Sparringspartnerin am Set, sie wird als Co-Moderatorin bei der einen oder anderen Dokumentation dabei sein.

Tatort Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

"Tatort"-Kommissare im Überblick

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

Zwei Mädels in Dresden, ein Pärchen in Weimar und die Münchner seit 25 Jahren. Alles, was Sie über die "Tatort"-Kommissare wissen müssen - in unserer interaktiven Grafik.   Von Carolin Gasteiger und Jessy Asmus

Manchmal, sagt nun wieder der Zweifler in ihm, verliere er sich selbst und den Überblick, es mache ihm Angst, dass die Gesellschaft immer unübersichtlicher werde, die demokratischen Prozesse immer undurchsichtiger würden. Dagegen "helfen nur Fakten und Wissen. Und die Lust, mich in Themen zu schmeißen, von denen ich erst einmal nichts verstehe."

Deshalb würde er jetzt gern bleiben und noch einen grünen Tee trinken gegen die Kälte und den Wiener Winter. Aber das nächste Projekt wartet, und die Zeit läuft davon, die Tage sind zu kurz und zu dunkel, und es gibt so viel zu tun. Wenn er aber dann aus seiner ersten Heimat, Österreich, in seine zweite Heimat, zurückkehre, in sein Fachwerkhaus in Wuppertal, dann müsse er dort auch üben, sagt er: herunterkommen, einen Rhythmus finden, ruhen. Es helfe eben nichts: Man müsse dieses schöne, komplizierte Leben immer aufs Neue leben lernen.