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Nachruf:Ein Rechercheur und Graber

Der Journalist Hans Peter Schütz, im Hintergrund ein "Stern"-Titel über Wolfgang Schäuble. Das Schicksal des CDU-Politikers im Rollstuhl ließ Schütz nicht los.

(Foto: imago stock&people)

Der "Stern"-Journalist Hans Peter Schütz war dickköpfig, neugierig, furchteinflößend und uneitel. Und Augenzeuge eines Attentats, das ihn nicht losließ.

Von Stefan Braun

Egal, ob Politiker oder Kollege, egal, ob in Bonn oder später in Berlin - die erste Begegnung mit dem Journalisten Hans Peter Schütz war für alle eine Herausforderung. Da war sein kritisch-neugieriger Blick, mit dem er nicht freundlich "Hallo!" rief, sondern kühl Distanz hielt. Da war diese hohe Stirn, die viel von seinem festen Willen und manchmal seiner Sturheit erzählte. Und da war seine ruhige Beobachtungsgabe, die offenließ, ob er sich gleich mit einem streiten oder doch gerne unterhalten würde. Dieser Journalist hielt Abstand, begann zu fragen, wog die Antworten, fragte weiter und näherte sich einem auf diese Weise. Für Politiker, die Nähe suchen, konnte das ein Graus sein. Für Hans Peter Schütz war es eine unabdingbare Voraussetzung dafür, seinen Job gut zu machen.

Ja, bei ihm konnte man lernen, was einen guten Journalisten ausmacht. Neugierig sein, alles wissen und verstehen wollen. Erst mal schauen, was los ist, bevor man anfängt zu schreiben. Im Kern sollte das für jede Journalistin und jeden Journalisten gelten, ob sie über Punkbands oder Schäferhunde, über Fußballer, Urlaubsreisen oder Politikerinnen schreiben. Im politischen Journalismus aber, vor allem dem von heute, ist das besonders wichtig, denn es ist im Strudel der Meinungsdebatten leider selten geworden. Wenn es jemanden gab, der einem das einbimste und vorlebte, dann ist das dieser Hans Peter Schütz gewesen.

Ihn interessierten nicht die menschlichen Schwächen, sondern die politischen Vergehen

Geboren wurde er 1939 in Donaueschingen. Nach einem Soziologiestudium lernte er beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen, wechselte später zur Südwest-Presse nach Ulm. Für die ging er schon 1974 als Hauptstadtkorrespondent nach Bonn - bevor er 1989 zum Stern wechselte. Dort blieb er, nur kurz unterbrochen, bis zum Ruhestand, unter anderem als Politikchef des Magazins. Aber nicht als Autor, der in sein Schreiben verliebt war, sondern als Rechercheur und Gräber, als einer, der Macht hinterfragte, nicht neidisch beäugte.

Schütz schrieb über alle Parteien und gehörte keiner an; für ihn war es auch hier eine Selbstverständlichkeit, Distanz zu halten. Aber ihn interessierten nicht die menschlichen Schwächen, sondern die politischen Vergehen. Die geißelte er umso heftiger, und obwohl das vielen Politikern wehtat, gab es nur wenige, die ihn als ungerecht beschrieben hätten. Geprägt haben ihn die Spendenskandale von Flick und Kohl. Sie haben aus einem manchmal brummigen Kollegen einen mit einem heiligen Zorn gemacht.

Er verschenkte sein Herz nicht, er lebte die journalistische Tugend der Distanz

Am persönlichsten getroffen war er aber durch ein ganz anderes Erlebnis. Schütz war Augenzeuge, als Wolfgang Schäuble 1990 Opfer eines Attentats wurde. Dieses Erlebnis ließ ihn nicht los; viel und häufig schrieb er über Schäubles weitere Lebensgeschichte. Er war es, der Schäubles Frau in einem Interview dann auch offen die Frage stellte, ob es Zeit sei für einen Kanzler im Rollstuhl. Aus all seinen Begegnungen mit und Beschreibungen über Schäuble ist ein sehr lesenswertes Buch geworden.

Am Montagabend ist Hans Peter Schütz nach schwerer Krebskrankheit in seinem Haus nahe Berlin gestorben. Er verschenkte sein Herz nicht. Aber er hatte für die, die er mochte und denen er vertraute, ein großes.

© SZ/tyc
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