"Schätzen, bieten, bangen" Neues im Plunder-TV

Die Auktionatoren Dalila Meenen und Robert Ernst begutachten ein Objekt.

(Foto: rbb/Vincent TV)

Auch der RBB setzt nun auf das Quotenwunder Trödel-Show. "Schätzen, bieten, bangen" hat alles, wofür man das deutsche Fernsehen hassen kann: keine eigenen Ideen, aber die schlecht erzählt.

Von Jakob Biazza

Im Bereich der Kreativwirtschaft gibt es ja tatsächlich nur zwei Arten von Menschen: Die einen schauen auf die Welt, sehen, was es in ihr bereits gibt - und setzen alles daran, das Vorhandene weiträumig zu meiden, vulgo, etwas Neues zu erschaffen. Die anderen schauen auf dieselbe Welt, werden aber neidisch angesichts der guten Ideen, die andere schon hatten - und kopieren sie. Manchmal mit kleineren Änderungen. Manchmal mit sehr kleinen.

Was direkt zu Schätzen, bieten, bangen führt, einer RBB-Dokuserie, die zwar am Montag zum ersten Mal läuft, zu der das Adjektiv "neu" aber ungefähr so gut passt, wie das Wort "verwegen" zu Kai Pflaume. Wie bei jeder guten TV-Show ist das Konzept in wenigen Sätzen erklärt - allerdings kennt man die Sätze schon von anderen Sendungen: Menschen durchforsten ihren Hausrat und entdecken Dinge, von denen sie glauben, sie seien wertvoll. Die bieten sie dann bei einer Versteigerung feil, und die Frage, welchen Preis sie tatsächlich erzielen, bringt die Spannung - bei Horst Lichters Bares für Rares zum Beispiel für mehr als drei Millionen Menschen pro Sendung. Man kann also unbedingt von einem Quotenphänomen sprechen.

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Deshalb sieht man bei Schätzen, bieten, bangen also zum Beispiel Luise Mikulla, deren Vater preußische Forstuniformen sammelt, und die nun eine Hornfessel verkaufen möchte. Wer im weiten Feld des altdeutschen Halalis nicht bewandert ist: Die Hornfessel dient dem Jäger als Trageriemen fürs Jagdhorn und sie ist deshalb so selten (oder selten gut erhalten), weil Oberförster meistens mit ihr beerdigt wurden. Man sieht Cosima Hasenpusch, die beim Erstkontakt mit dem Kamerateam noch an ein Reh im Fernlicht erinnert, in der Folge aber auf diese rüstige Art sympathisch wird, wie es nur agile Rentnerinnen können. Ihr Mann ist gestorben, sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und dabei taucht eine "Olle Sparbüchse" auf, die der Mann von seinen Eltern bekommen hatte. Man sieht einen Omnibus-Enthusiasten, der alte Schilder verkaufen will, und einen Trichtergrammophon-Sammler, der Platz schaffen muss.

Und weil man das alles auch bei den anderen Sendungen des Genres sehen kann, neben Bares für Rares (ZDF) unter anderem bei Schätze unterm Hammer (Kabel Eins), bei Die Superhändler (RTL), bei Der Trödeltrupp (RTL 2), bei Der Trödeljäger (MDR) oder bei American Pickers (Nitro), sieht man also auch noch Robert Ernst.

Ernst ist Auktionator. Ihm fehlt etwas die zwirbelschnäuzerige Herzensgüte eines Horst Lichter, aber er ist sympathisch genug, um auch mit weit aufgeknöpftem weißem Hemd unterm dunklen Sakko nur sehr selten an einen Autohändler zu erinnern. Ernst ist außerdem das, was Schätzen, bieten, bangen von den anderen Sendungen unterscheiden soll. Hinter dem neuen Format steckt schließlich die Produktionsfirma von Sandra Maischberger. Man stellt also einen gewissen journalistischen Anspruch in die Auslage und zeigt nicht einfach Menschen beim Plunder-Shoppen, sondern schaut, so sagt es der Untertitel, "hinter den Kulissen eines Berliner Auktionshauses", was da so passiert.

Spoiler: Nicht viel mehr als vor den Kulissen auch. Menschen schätzen, was ein Objekt wert sein könnte. Ein Experte, im konkreten Fall der Kunstsachverständige Dr. Frithjof Hampel, der in manchen Einstellungen den gequälten Wisserblick von Alan Rickman in seiner Rolle des Metatron in Dogma hat, unterfüttern die Einschätzungen mit Expertise. Dann wird geboten.

Und weil es sich um eine Doku handelt, also hoffentlich echte Menschen gezeigt werden, die nicht automatisch auch gute Schauspieler sind, muss eine Stimme aus dem Off zur Sicherheit oft die Emotionen vorab einordnen. "Cosima traut ihren Ohren nicht", sagt also die Stimme. "Glaubst du das?", fragt Cosima dann ihre Tochter. "Die Freude bei Jürgen Krügerke ist groß", sagt die Stimme. "Ich freu mich wahnsinnig", sagt Jürgen Krügerke. Dann geht er und versucht dabei, sehr froh auszusehen, womit Schätzen, bieten, bangen quasi alles hat, wofür man das deutsche Fernsehen hassen kann: keine eigenen Ideen, aber die schlecht erzählt.

Schätzen, bieten, bangen, RBB, montags, 21 Uhr.

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