Mit Sport hat Schach hier nicht mehr viel zu tun. Es ist Drama, Kampf, Psychoterror. Am Ende steht ein Gerichtsprozess um 100 Millionen Dollar. Zwei Großmeister bekriegen sich bis zum Äußersten, zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der etwas undurchsichtige Hans Niemann und der souveräne Champion Magnus Carlsen, Protagonisten der sehenswerten Dokumentation „Untold: Chess Mates“ bei Netflix. Fasziniert sieht man Carlsen im Blind-Simultanspiel mit zehn Gegnern. Die Positionen von 320 Figuren muss er sich merken, bis zu zehn Gegenzüge vorausplanen. Er gewinnt alle Partien. Als Amateur ist man mit sichtbaren 32 Figuren und drei bis fünf vorausgedachten Zügen schon gut ausgelastet.
Wie so oft bei Fragen nach der Definition von Intelligenz geht es um Mustererkennung und blitzartige Bewertung, um das Erkennen des Tigers im Gebüsch oder einer drohenden Mattstellung. Bei sich oder beim Gegner. Carlsen sagt, er sehe „diese Dinge“, wo andere nur Chaos wahrnehmen. Später ergänzt er trocken: „Ich bin nun seit zwölf, 13 Jahren der beste Spieler der Welt.“
„Er ist so paranoid – das ist nicht mehr gesund.“
Und das ist er. Bis er Anfang September 2022 beim Sinquefield Cup in St. Louis geschlagen wird. Von Hans Niemann, einem Nobody im Vergleich zu Carlsen. Niemann ist 19 Jahre alt, im Internet halbberühmt, im analogen Leben kaum; er hat gerade mal ein einziges Turnier gewonnen. Und der soll das Genie Carlsen geschlagen haben? Kommentarlos verlässt Carlsen das Turnier von St. Louis. Dann beschuldigt er Niemann, betrogen zu haben. Niemann kontert: „Er ist so paranoid – das ist nicht mehr gesund.“ Im Tonfall klingt das wie „nicht mehr normal“. Aber seit wann sind Genies normal?

Ende des Streits zwischen Niemann und Carlsen:"Hallo Schachwelt, habt ihr mich vermisst?"
Der prominente Streit zwischen Magnus Carlsen, der Plattform chess.com und Hans Niemann ist vorbei, alle Parteien einigen sich außergerichtlich. Niemann bestreitet weiterhin, betrogen zu haben, Carlsen kündigt an, wieder gegen ihn zu spielen.
Das American Chess Magazine nennt Carlsen auf der Titelseite „Man of Steel“, wohl als Kompliment gemeint mit einem Augenzwinkern in Richtung des Tata Steel Chess Tournament im niederländischen Wijk aan Zee, das Carlsen achtmal gewonnen hat. Ein US-Moderator verleiht ihm den Titel „The Mozart of Chess“, was ebenso hirnlos dahingesagt ist, dennoch dem Phänomen vielleicht etwas näherkommt. Carlsen aber sagt von sich, er sei kein Genie, er sei schlau, aber nichts Besonderes.
Niemann dagegen bezeichnet sich ausdrücklich als Genie. Dass der Betrugsvorwurf überhaupt ernst genommen wird, trifft ihn hart. Er riecht Verschwörung, erzählt die Geschichte von sich als Underdog, der in der Schule gemobbt wurde wegen seines Talents. Im Bild erscheint jetzt ein Journalist, sein Gesicht rückt in bedrohlicher Nahaufnahme an den Zuschauer heran mit der entscheidenden Frage: „Haben Sie bei einem Schachspiel je Analkugeln benutzt?“ Schwierige Frage. Entlarvt man sich als blutiger Anfänger, wenn man einfach verneint? Ohne den blassesten Schimmer zu haben, dass es dabei um computergestützte Signalgeber geht. Aber die Frage richtet sich an Niemann, der gestern noch ein Nobody war und heute ein Held oder Betrüger oder Betrogener.
Man staunt, wie selbst sehr schlaue Menschen in ihrem Gefühlschaos gefangen sind
„Ich habe viel nachgedacht“, sagt er: „Welchen Preis zahlt man dafür, ein Genie zu sein?“ Beim Schach zahle man einen emotionalen Preis. Aber gewinnt man – neben einem sechsstelligen Preisgeld – nicht auch emotional, wenn man plötzlich Weltmeister ist? Wenn man den anderen „gebrochen“ hat, wie Niemann es formuliert? Er spricht jetzt von anderen als Nobodys, deren „künstliche Karrieren“ durch die Plattform Chess.com geschaffen wurde. Niemann hat dort sein Geschäftsmodell aufgebaut, hat seine Spiele live kommentiert, ist ausgerastet, bot beachtliches Schmierentheater. Die Gründer von Chess.com finden dagegen, sie hätten Niemann zum Streaming-Star gemacht. Und dies, obwohl sie wussten, dass der regelmäßig mithilfe eines Schachprogramms betrog. Sie wollten keinen Skandal. Am Ende staunt man, wie sehr selbst schlaue Menschen in ihrem Gefühlschaos gefangen sind. Und was ist nun mit den Analkugeln? Es ist wie im Leben, die wichtigsten Fragen bleiben offen. In der Doku wird es dann aber noch mal richtig spannend.
Untold: Chess Mates, bei Netflix.
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