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Satiriker Martin Sonneborn:Das Vergnügen quietscht

Sonneborn rettet die Welt

Am Donnerstag startet "Sonneborn rettet die Welt" auf ZDF Neo.

(Foto: ZDF / Andreas Coerper)

Martin Sonneborn hat seine Magisterarbeit über die "absolute Wirkungslosigkeit von Satire" geschrieben und dann seine eigene These in der Wirklichkeit widerlegt. Nun bekommt er eine Sendung bei ZDF Neo. Eine Begegnung.

Vor dem Kulturhaus Urania 70 sieht es so aus, als werde in Halle an der Saale demnächst eine Außenstelle des Atommülllagers Gorleben eröffnen. Acht riesige gelbe Fässer stehen am Rande einer aufgerissenen Straße, es gibt keine blühenden Landschaften, aber immerhin die Bar "Flower Power". Davor steht Martin Sonneborn in der Herbstkälte und berichtet von der neuesten Karikatur, die ihm der Osten geliefert hat, mal wieder frei Haus. Der Saal, in dem Sonneborn gleich auftreten soll, fällt in 15 flachen Stufen nach unten ab, üblicherweise wird er als Tanzfläche genutzt. Sonneborn hat den Veranstalter gefragt, wie das denn funktionieren soll mit dem Tanzen, bei so vielen Stufen. "Da hat er nur gesagt: Ach, die Leute haben sich daran gewöhnt."

Drinnen funktioniert dann das Licht nicht richtig, bunte Leuchten werden so lange durchgeorgelt, bis die 100 Gäste wenigstens ein bisschen was sehen. Das ist tragisch, einerseits, aber es ist auch ein gefühltes Placet, das Programm mit ein paar standardisierten Gemeinheiten zu eröffnen. "Willkommen hier in Dings", sagt Sonneborn. Wenn er sich so umschaue, "dann frage ich mich schon, wo die ganzen Milliarden geblieben sind". Eine Diskussion darüber gibt es jetzt freilich nicht: "Wir wollen's nicht allzu lang machen heute, Sie müssen ja morgen früh wieder auf die Felder und ich muss zurück nach Berlin."

Es sind goldene Momente für Martin Sonneborn, wenn Klischee und Wirklichkeit verschwimmen - übertroffen eigentlich nur von jenen seltenen Glücksfällen, in denen er die Realität mit satirischer Arbeit sogar verändert hat.

Tim ohne Struppi

Seine Magisterarbeit schrieb Sonneborn, 48, über die "absolute Wirkungslosigkeit von Satire". Sie wurde mit einer 1 benotet, aber die These hat der Autor selbst mehrfach widerlegt. Die Geschichten von diesen Einschlägen seiner Arbeit in der Realität erzählt Sonneborn in Halle wie Heldensagen. Grundton: Guckt mal, was ich und meine Freunde so für verrückte Sachen machen. Wie ein großer Tim ohne Struppi sitzt Sonneborn auf der Bühne, die meisten Geschichten stehen im Zusammenhang mit seinem jüngsten und vermutlich größtem Triumph, der Partei "Die PARTEI".

Bis vor acht Jahren war Martin Sonneborn Chefredakteur des endgültigen Satiremagazins Titanic. Er wusste danach erst mal nicht, wie es weitergehen sollte, und da half es auch nicht, dass Mathias Döpfner ihm anbot, eine ganze Seite in der Welt mit Satire zu bestreiten. Sonneborn heuerte bei Spiegel Online an, auf Vorschlag des heutigen Spiegel-Chefs Wolfgang Büchners. Er begann auch, kleinere Filme fürs Fernsehen herzustellen, aber das alles fällt für Sonneborn unter Arbeit und damit in eine andere Kategorie als das Großvergnügen, zu welchem die Gründung seiner Spaßpartei inzwischen geworden ist. Man kann den Erfolg der PARTEI daran messen, dass ihr nach den Kommunalwahlen in Lübeck in diesem Jahr erstmals eine Farbe zugewiesen werden musste - Bastian Langbehn hatte es ins Parlament geschafft, im Tortendiagramm wurde für ihn ein schmales Stück Magenta ausgewiesen.

Man kann den Erfolg der PARTEI auch daran messen, dass sie Sonneborn nach Georgien führte, wo er mit der dortigen Labour-Partei einen Kooperationsvertrag unterzeichnete. Deren Generalsekretär Josef Shatberashvili kippte danach allen Wichtigen die Gläser mit Selbstgebranntem voll, "und die Wichtigen, das waren alle Dicken und ich". In diesem Bundestagswahlkampf nun hat die PARTEI "Merkel ist doof!" plakatiert - die juristische Prüfung dieser Aussage dauert an, und auch das ist aus Sonneborns Sicht natürlich ein Erfolg.

"Wir arbeiten destruktiv"

Es gibt über die PARTEI einen schönen Film, er lief im Kino, aber nun findet Sonneborn niemanden, der ihn im Fernsehen ausstrahlen will. Die verschiedenen Begründungen dafür kann er nicht mehr hören, weil er die gemeinsame Haltung dahinter nicht teilt. "Es gibt im Fernsehen, und abgeschwächt auch in Zeitungen, dieses Inschutznehmen des Publikums", sagt er. Berechtigte Frage: Wer glaubt hier wen in Schutz nehmen zu müssen, und mit welcher Erziehungsberechtigung? Doch irgendwann hört man wahrscheinlich auf, diese Frage zu stellen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, sagt Sonneborn, kenne er nur "völlig ermattete Leute, die nichts ändern wollen". Er schaue selbst kaum noch fern, und finde "Unterhaltungsfernsehen nicht besonders unterhaltsam". Klar, es ist gratismutig geworden, auf das Fernsehen zu schimpfen. Aber verliert der Befund durch Wiederholung wirklich an Wucht? Ist es nicht ganz schlimm, dass es genauso schlimm ist, wie alle immer wieder sagen?

Martin Sonneborn gehört zum Ensemble der heute show, die ja ein recht lässiger Beleg dafür ist, dass die Zuschauer es ganz gut vertragen, wenn sie mal nicht von Verhinderungskommissaren aus den Anstalten in Schutz genommen werden. Seine Beiträge für die Satiresendung produziert er immer mit Susanne Müller und Andreas Coerper von Smacfilm, und er weiß beide auch in einer Reportagereihe an seiner Seite, die vom kommenden Donnerstag um 22.45 Uhr an bei ZDF Neo zu sehen sein wird.

"Im besten Fall Satire"

Das Format heißt Sonneborn rettet die Welt, bewerkstelligt werden soll die Mission in nur drei Folgen und in den Disziplinen Finanzmärkte, Umweltzerstörung und Korruption. Das Format sei ihm "eigentlich egal. Ich will mit Politikern sprechen und Späße machen", sagt Sonneborn, und damit ist auch schon fast alles zu der Sendung gesagt. Wer die Einsätze Sonneborns in der heute show mag, wird auch die Reihe mögen, auch wenn sein Prinzip die Strecke von 30 Minuten nicht immer trägt. Denn es verändert sich hier nur die Form, "der Inhalt ist doch immer das Gleiche, im besten Fall Satire".

Immerhin wird Sonneborn dieses Mal keine Opfer fordern, die nimmt er sonst ja billigend in Kauf. Der Geschäftsführer von Pro Generika, Peter Schmidt, verlor nach einem Interview für die heute show seinen Job. In dem Beitrag legte Sonneborn etwas hinterfotzig die wendige und windige Argumentation des Lobbyisten offen. Dass Schmidt gefeuert wurde, sei "eine der wenigen Sachen, die mir leid tun. Aber ich sehe das als Kollateralschaden. Es haben so viele begriffen, wie man mit Generika Geld verdient. Und es passiert selten, dass es die Falschen trifft."

Die "Richtigen", dazu gehören dann wohl auch jene Menschen, bei denen Sonneborn an der Tür klingelte, um sich als Vertreter von "Google Home View" Zugang zu privaten Wohnungen zu verschaffen. Die Leute stockten nur kurz, dann ließen sie sich noch in ihrem Schlafzimmer "fürs Internet" fotografieren. "Das zeigt einfach die menschliche Dummheit, das darf man demonstrieren", sagt Sonneborn.

Bei Facebook vor der SPD

Ist es okay, dann und wann auch auf die kleinen Leute feste draufzuhauen? "Die Entscheidung habe ich getroffen, als ich bei Titanic angefangen habe", sagt Sonneborn. Er rechtfertige das für sich damit, "dass es auch die kleinen Leute sind, die Neger schlagen und FDP wählen". Daran sei exakt "nichts" konstruktiv, das wisse er. Sonneborn sagt, er bewundere Politiker wie den SPD-Bundestagsabgeordneten Matthias Miersch, die sich gegen alle Widrigkeiten um Gutes bemühten. "Was wir machen, ist einfacher. Wir arbeiten destruktiv. Es macht Spaß, es ist lustig, und es muss auch gemacht werden."

Und so soll es gerne noch ein bisschen weitergehen. Thomas Gsella, sein Nachfolger als Titanic-Chef, sagte zu Sonneborn mal, er habe keine Lust mehr, komisch zu schreiben. "Das ist Unsinn", antwortete Sonneborn. Bei Älteren sehe er oft so einen Hang zum Ernsten, "das möchte ich eigentlich nicht. Ich habe nicht viel Lust, etwas anderes zu machen." Nicht, solange das Vergnügen noch quietscht. Und, was soll man sagen? Bei Facebook hat die PARTEI in der Zahl ihrer Fans gerade die SPD überholt.

© SZ vom 05.10.2013/mkoh
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