Satiriker Martin Sonneborn Das Vergnügen quietscht

Martin Sonneborn hat seine Magisterarbeit über die "absolute Wirkungslosigkeit von Satire" geschrieben und dann seine eigene These in der Wirklichkeit widerlegt. Nun bekommt er eine Sendung bei ZDF Neo. Eine Begegnung.

Von Cornelius Pollmer, Halle an der Saale

Vor dem Kulturhaus Urania 70 sieht es so aus, als werde in Halle an der Saale demnächst eine Außenstelle des Atommülllagers Gorleben eröffnen. Acht riesige gelbe Fässer stehen am Rande einer aufgerissenen Straße, es gibt keine blühenden Landschaften, aber immerhin die Bar "Flower Power". Davor steht Martin Sonneborn in der Herbstkälte und berichtet von der neuesten Karikatur, die ihm der Osten geliefert hat, mal wieder frei Haus. Der Saal, in dem Sonneborn gleich auftreten soll, fällt in 15 flachen Stufen nach unten ab, üblicherweise wird er als Tanzfläche genutzt. Sonneborn hat den Veranstalter gefragt, wie das denn funktionieren soll mit dem Tanzen, bei so vielen Stufen. "Da hat er nur gesagt: Ach, die Leute haben sich daran gewöhnt."

Drinnen funktioniert dann das Licht nicht richtig, bunte Leuchten werden so lange durchgeorgelt, bis die 100 Gäste wenigstens ein bisschen was sehen. Das ist tragisch, einerseits, aber es ist auch ein gefühltes Placet, das Programm mit ein paar standardisierten Gemeinheiten zu eröffnen. "Willkommen hier in Dings", sagt Sonneborn. Wenn er sich so umschaue, "dann frage ich mich schon, wo die ganzen Milliarden geblieben sind". Eine Diskussion darüber gibt es jetzt freilich nicht: "Wir wollen's nicht allzu lang machen heute, Sie müssen ja morgen früh wieder auf die Felder und ich muss zurück nach Berlin."

Es sind goldene Momente für Martin Sonneborn, wenn Klischee und Wirklichkeit verschwimmen - übertroffen eigentlich nur von jenen seltenen Glücksfällen, in denen er die Realität mit satirischer Arbeit sogar verändert hat.

Tim ohne Struppi

Seine Magisterarbeit schrieb Sonneborn, 48, über die "absolute Wirkungslosigkeit von Satire". Sie wurde mit einer 1 benotet, aber die These hat der Autor selbst mehrfach widerlegt. Die Geschichten von diesen Einschlägen seiner Arbeit in der Realität erzählt Sonneborn in Halle wie Heldensagen. Grundton: Guckt mal, was ich und meine Freunde so für verrückte Sachen machen. Wie ein großer Tim ohne Struppi sitzt Sonneborn auf der Bühne, die meisten Geschichten stehen im Zusammenhang mit seinem jüngsten und vermutlich größtem Triumph, der Partei "Die PARTEI".

Bis vor acht Jahren war Martin Sonneborn Chefredakteur des endgültigen Satiremagazins Titanic. Er wusste danach erst mal nicht, wie es weitergehen sollte, und da half es auch nicht, dass Mathias Döpfner ihm anbot, eine ganze Seite in der Welt mit Satire zu bestreiten. Sonneborn heuerte bei Spiegel Online an, auf Vorschlag des heutigen Spiegel-Chefs Wolfgang Büchners. Er begann auch, kleinere Filme fürs Fernsehen herzustellen, aber das alles fällt für Sonneborn unter Arbeit und damit in eine andere Kategorie als das Großvergnügen, zu welchem die Gründung seiner Spaßpartei inzwischen geworden ist. Man kann den Erfolg der PARTEI daran messen, dass ihr nach den Kommunalwahlen in Lübeck in diesem Jahr erstmals eine Farbe zugewiesen werden musste - Bastian Langbehn hatte es ins Parlament geschafft, im Tortendiagramm wurde für ihn ein schmales Stück Magenta ausgewiesen.

Man kann den Erfolg der PARTEI auch daran messen, dass sie Sonneborn nach Georgien führte, wo er mit der dortigen Labour-Partei einen Kooperationsvertrag unterzeichnete. Deren Generalsekretär Josef Shatberashvili kippte danach allen Wichtigen die Gläser mit Selbstgebranntem voll, "und die Wichtigen, das waren alle Dicken und ich". In diesem Bundestagswahlkampf nun hat die PARTEI "Merkel ist doof!" plakatiert - die juristische Prüfung dieser Aussage dauert an, und auch das ist aus Sonneborns Sicht natürlich ein Erfolg.