Zugegeben, der erste Gedanke muss sein: Ist das nur ein Gag? Es wäre dem Postillon zuzutrauen, eine Werbekampagne für eine Zeitung zu fingieren, die gar nicht existiert. Schließlich, da ist man sich in der Branche längst sicher, stirbt die gedruckte Zeitung als Medium langsam aber sicher aus, die taz etwa stampfte jüngst ihre tägliche Printausgabe ein. Diese Entwicklung satirisch zu kommentieren, das läge nahe. Aber doch, da liegt er, im Regal des Bahnhofskiosks, zwischen SZ, Zeit, Stern und Brigitte: Der Postillon, gedruckt, zum Anfassen. Satire im Schafspelz.
„Überregionale Zeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur und Gulasch“, so lautet die Unterzeile, und: „Ehrliche Nachrichten seit 1845“. Die Hinweise, sie sind da. Diese Zeitung könnte Spuren von Schabernack enthalten. Sonst mischt sich Der Postillon unauffällig gut unter die Printerzeugnisse der Republik. Auch deshalb, weil er die wichtigtuerisch-empörte Sprache der echten Medienlandschaft gekonnt persifliert. „Statt europäischer Atombombe: Grüne fordern Wind- und Solarbombe“ lautet eine Überschrift, eine andere: „Haben sie sich verflogen? Russische Kampfjets in russischem Luftraum entdeckt“. Quelle für diese und weitere, weltbewegende Nachrichten: die dpo, eine vom Postillon erfundene Presseagentur, die den Tonfall der Nachrichtenwelt so gut trifft, dass Nutzer im Internet die Satiremeldungen regelmäßig für echten Journalismus halten. Ein Leadsatz, dann Details, Hintergründe, Zitate der betroffenen Parteien – so lernt man es an jeder Journalistenschule.
Der Wetterbericht meldet Chemtrails, die Bundesliga ist alphabetisch geordnet, wie praktisch
Nun ist die deutsche Zeitungslandschaft zwar angeschlagen, aber die Konkurrenz dennoch groß. Wer sich behaupten will, muss also von Anfang an liefern. Deshalb hält sich der Postillon auch nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern zielt direkt auf die ganz großen Themen: Russland, Merz, Wirtschaftskrise, und natürlich die Ralf-Schumacher-Autokauf-Werbung. 16 zarte Seiten umfasst die Erstausgabe, der Inhalt ist für treue Postillon-Leser nicht neu. Der Werbetexter Stefan Sichermann startete das Online-Portal 2008 nach dem Vorbild der US-amerikanischen Satire-Marke The Onion (die es inzwischen übrigens auch als Zeitung gibt).
Inzwischen erreicht der Postillon Hunderttausende Leser. Durch Abo-Vorbestellungen ebendieser wurde das Printprojekt überhaupt erst möglich. Einmal im Monat erscheint die Zeitung nun, Startauflage: 25 000 Stück. Die gedruckten Texte sind ein Best-of der Online-Beiträge der letzten Monate. Dazwischen mischen sich aber charmant ein paar Elemente, die in eine Zeitung eben gehören. Der Wetterbericht (inklusive nützlicher Daten wie Chemtrail-Luftverschmutzung), die Bundesligatabelle (alphabetisch sortiert, wie praktisch), Stellenangebote, Werbeanzeigen – in der Optik täuschend echt, inhaltlich natürlich völliger Schmarrn.
Aber genau das macht so viel Spaß: Wer in den vergangenen Monaten eine Zeitung aufschlug, musste sich auf Katastrophen aller Art einstellen. Kriege, Klima, Populisten. Beim Lesen dieser Ausgabe werden zur Abwechslung statt den Nerven die Lachmuskeln strapaziert. 16 Seiten, und kein einziges Foto von Donald Trump. Wie schön! Und irgendwie ist es doch nur fair: Das Internet wird längst geflutet mit Fake News und Fake-Medien, sei es zur Unterhaltung oder zur Hetze und Manipulation. Nun kriegen auch die Print-Puristen die Chance, sich verarschen zu lassen – auf charmante Weise.

