bedeckt München 19°

Satireaktion gegen Jack Warner:So führt man einen Fifa-Funktionär vor

John Oliver und Jack Warner

John Oliver, Host der HBO-Show Last Week Tonight, greift den ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner an.

(Foto: YouTube)

Ein Comedy-Star kauft sich Sendezeit im Fernsehen von Trinidad und Tobago, um zu Fifa-Funktionär Jack Warner zu sprechen. Nicht der erste Coup von TV-Aufklärer John Oliver.

Von Julian Dörr

Um zu Jack Warner zu sprechen, hat John Oliver vergangene Nacht Sendezeit gekauft. Im Fernsehen von Trinidad und Tobago, der Heimat des ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten. In einem knapp fünfminütigen Beitrag fordert der Comedian den Fußball-Funktionär dazu auf, alles zu veröffentlichen, was die Fifa weiter belasten könnte.

Es ist nicht das erste Mal, das sich der 38-Jährige die Fifa vorknöpft. Zweimal schon widmete er sich in seiner Show Last Week Tonight with John Oliver den Skandalen rund um den Weltfußballverband. Und keiner blieb sicher vor seinem bissigen Humor: nicht Chuck Blazer ("ein korrupter amerikanischer Fifa-Funktionär und böser Weihnachtsmann"), nicht Sepp Blatter ("praktisch Charles Manson") und schon gar nicht Jack Warner.

Mit seiner jüngsten Satireaktion antwortet der Late-Night-Host auf eine Ansprache Warners, für die dieser ebenfalls Sendezeit auf dem trinidadischen TV-Sender TV6 gekauft hatte. Unter dem Titel "The Gloves Are Off" gab der vorläufig aus der Haft entlassene Warner bekannt, im Besitz belastender Dokumente zu sein. Er fürchte um sein Leben, sagte Warner. Begleitet wurde der - ja, was eigentlich? Frei-Kauf- oder doch eher Erpressungsversuch? - von melancholischem Pianogetröpfel.

Krawallbruder Oliver kontert scham- und gnadenlos mit "The Mittens Of Disapproval Are On" - "Die Fäustlinge der Missbilligung sind angezogen". Er parodiert Warners Ansprache, mit trinidadischem Akzent, aber nicht ohne Selbstironie: "Ich unterbreche jetzt mal kurz, um den Menschen von Trinidad die Möglichkeit zu geben über die weißeste Person aller Zeiten zu lachen."

Aus seinen Witzen soll Wissen gedeihen

Ein kleiner Coup ist vor allem die Aktion an sich, weniger ihr Inhalt. Sein Opfer, dem er vor Gericht wenig Chancen ausrechnet, führt Oliver auf routinierte Weise vor ("Ich hab mal die Anklageschrift durchgeblättert und ... viel Glück damit."). In der Causa Warner zeigt sich die große Stärke und Ausnahmestellung des John Oliver: Der Exil-Brite ist der letzte große Aufklärer im US-TV.

Seit April 2014 verknotet der Mann, der mal der britische Sidekick von Jon Stewart war, in Last Week Tonight with John Oliver derbe Zoten und intellektuellen Anspruch wie kein Zweiter in seinem Geschäft. In den USA auf dem Bezahlsender HBO und - was viel wichtiger ist - für den Rest der Welt auf YouTube.

John Oliver macht Comedy in ihrer reinsten Form: zynisch, bitter, selbstironisch. Aber nicht zum Selbstzweck. Er hinterlässt keine verbrannte Erde. Aus seinen Witzen soll Wissen gedeihen. Das ist sein Auftrag. Nur Oliver ist gegenwärtig in der Lage, ein irre langweiliges - aber wichtiges - Thema wie die Netzneutralität auf irre witzige Weise der Masse der Nicht-Eingeweihten zu erklären. Wenn man will, dann ist Last Week Tonight with John Oliver so etwas wie die Sendung mit der Maus für desillusionierte Erwachsene.

Sperrige, abstrakte, bedeutende Themen: die erdrückende Last der Studentenkredite in den USA, die Gefahr von erhöhtem Zuckerkonsum, die Macht der Tabakindustrie. Und sein vielleicht größter Coup bislang: ein Exklusiv-Interview mit Whistleblower Edward Snowden.

"Können die meinen Schwanz sehen?"

Denn John Oliver hat ein grundlegendes Problem unserer Zeit erkannt: Warum empören wir uns nicht über die Massenüberwachung durch entfesselte Geheimdienste wie die NSA? Weil uns die Bilder fehlen, die Narration, die persönliche Betroffenheit. Und so bricht Oliver im Gespräch mit Snowden die ganze überbordende Debatte auf eine einzige Frage herunter: "Können die meinen Schwanz sehen?" Anhand eines Penisfotos erklärt Snowden die Möglichkeiten der Überwachung. NSA-Programm für NSA-Programm. John Oliver fragt immer und immer wieder mit stoischer Mine und heiligem Ernst: "Können die meinen Schwanz sehen?"

Während die Tränen in den Augen den Bildschirm verschwimmen lassen, realisiert man: Witziger und zugleich klarer ist diese Geschichte nicht zu erzählen. Ein Mann gegen die NSA, gegen die Fifa, gegen Sattheit und Gemütlichkeit. Die Welt braucht Typen wie John Oliver.

© SZ.de/pak/jobr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite