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Satire:Mit dem Maßband nach Abchasien

Reporter Slam 2016 -- Andi Weiland | Realsatire.de (Honorarpflichtig)

Sebastian Erb von der taz suchte den kürzesten Fluss der Welt.

(Foto: Andi Weiland)

Blind auf der Sexmesse: Beim ersten Berliner Reporterslam erzählen Journalisten höchst unterhaltsam von ihren absurdesten Recherchen.

Satire ist oft verletzend. Weil sie sich häufig gegen bestimmte Personen oder Gruppen richtet, mit deren Meinung man nicht einverstanden ist. Zuletzt waren das häufig die AfD- und Trump-Wähler. Dass Satire auch spalten kann, hat spätestens die Gerichtsverhandlung um das Schmähgedicht von Jan Böhmermann gezeigt.

Das Berliner Duo "Realsatire", bestehend aus dem Journalisten Jochen Markett und dem Kommunikationsberater Andi Weiland, wollte einen anderen Umgang mit Satire finden. Einen, der sich aus dem Alltag speist und nicht automatisch gegen bestimmte Personen richtet. Kurzerhand gründeten Markett und Weiland im Februar das Portal Realsatire, eine Webseite, auf der jeder kuriose Fundstücke aus dem deutschen Alltag einreichen kann. Im selben Geist veranstalteten sie am Donnerstag auch den ersten Reporterslam. Die Idee dahinter: Journalisten präsentieren auf unterhaltsame Art und Weise vor Publikum ihre absurdesten Recherchen. Zehn Minuten gibt es dabei für jeden; wer am besten unterhält, wird "Slampion", die Abstimmung erfolgt per Applaus. "Wir wollen, dass die Leute, auch die Journalisten, wieder ein bisschen selbstironischer werden. Im besten Fall über Sachen neu nachdenken, weil sie über sich selbst lachen müssen", sagt Initiator Andi Weiland. Gleichzeitig schafft das Projekt auch eine Verbindung zwischen Journalist und Publikum, zeigt, dass Journalismus ein Handwerk ist und entgegen anderen Behauptungen nicht nur auf gefühlten Wahrheiten basiert.

150 Zuschauer, darunter viele Journalisten, wollten im Prachtwerk Neukölln mehr über die Recherchen von Reportern der Welt, der taz, der deutschen Vice, des Magazins Dummy und der Zeit erfahren. Die konnten bei dieser Art des Werkstattberichts auch Hintergründe zu den am Ende oft glattpolierten Texten erzählen. Wie es denn zum Beispiel war, in Tschernobyl problemlos bis zum hochradioaktiven Kraftwerk durchzumarschieren. Wie man auf die Idee kommt, an einer Blindenführung auf der Sexmesse "Venus" teilzunehmen. Was passiert, wenn man eine Drohne über ein bei Google Maps verpixeltes NSA-Gebäude fliegen lässt. "Ich hoffe, dass wir an diesem Abend die Schönheit von Reportagen zeigen konnten und dass es da draußen noch andere Themen als AfD und Trump gibt", sagt Weiland. Aus seiner Sicht würde es Deutschland gut tun, wieder mit mehr Humor zu diskutieren: "Die Tatsache, dass bei Jan Böhmermann tatsächlich ein Gericht darüber entscheiden musste, was noch Satire ist und was nicht mehr, zeigt doch nur, wie absurd ernst wir Humor mittlerweile nehmen." Dabei gäbe es doch eigentlich weitaus Wichtigeres zu diskutieren.

Am Ende gewann der taz-Reporter Sebastian Erb, der, bewaffnet mit einem 20-Meter-Maßband, den angeblich kürzesten Fluss der Welt in Abchasien zu vermessen versucht hatte. Eine vermutlich sehr deutsch-korrekte Herangehensweise, die Erb trotz aller Absurditäten mit dem nötigen Ernst anging. "Es gibt Fakten und die kann man überprüfen", sagte er. Mit Erfolg: Am Ende war der Fluss tatsächlich neun Meter länger, als bis dahin behauptet.