Sat 1 verfilmt Mordfall in Emden Verrührt zur Klischee-Soße

Sat 1 lässt sich bei "Nichts mehr wie vorher" von einem wahren Ereignis inspirieren: dem Mord an der elfjährigen Lena in Emden. Für Emden waren der Tod, die Fahndung und die eigenen Rachegelüste ein Trauma. Sat 1 hat das leider nicht begriffen.

Von Ralf Wiegand

Irgendwann ist es dann doch zu blöd. Da kommt also der Vater eines zur Vernehmung hierher gebrachten 16-Jährigen ins Rathaus, in dem sich die Soko eingerichtet hat. "Guten Tag, ich möchte meinen Sohn abholen", sagt er zum Pförtner und landet alsbald mitten unter den ermittelnden Beamten.

Ein Polizist fragt, ob er helfen könne. Ja, Sohn abholen und so. "Geht jetzt leider nicht", sagt der Beamte, "gegen Ihren Sohn besteht dringender Tatverdacht." Er soll einen Jungen ermordet haben. Schon schiebt er den geschockten Vater genervt zum Ausgang, da steht - mitten in den Räumen der Sonderkommission, die einen Kindsmörder sucht - ein Pressefotograf: "Sind Sie der Vater?" Knips!

Die Polizei ist dumm und verantwortungslos, der Vater Sportlehrer und sehr männlich, der Sohn sanft und heimlich schwul, die Schwester blond, das Brüderchen süß, die Mutter eine Glucke, das Haus hell und warm. In die Idylle platzt das Grauen in Form eines Verdachts: unser Sohn, ein Mörder? Die Öffentlichkeit bekommt das mit (weil: Polizei verantwortungslos und dumm). Ein Stein fliegt ins Kinderzimmer des Bruders. An der Fassade steht "Kinderschänder".

Sat 1 sagt, das sei "frei inspiriert von den wahren Ereignissen um den Mordfall Lena in Emden". Lena war ein elfjähriges Mädchen, das in einem Parkhaus ermordet wurde. Tatsächlich hat die Polizei bei der Fahndung einen Verdächtigen verhört, dessen Name auf Facebook bekannt wurde, ehe sich dessen Unschuld herausstellen konnte. Es gab einen Aufruf zur Lynchjustiz.

Für Emden waren der Tod, die Fahndung und die eigenen Rachegelüste ein einziges Trauma. Sat 1 rührt daraus eine TV-Movie-Klischee-Soße. Leider.

Nichts mehr wie vorher, Sat 1, 20.15 Uhr.