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"Sandmann für Erwachsene":Unkorrekter Abendgruß

Sandmann für Erwachsene

Das Sandmännchen mal anders: lästernd, ruppig und mit Berliner Schnauze.

(Foto: RBB/Horst Walter/RBB/Horst Walter)

Der RBB zeigt alte Sandmännchen-Folgen mit neuer Vertonung - als "Sandmann für Erwachsene". So richtig erwachsen ist das zum Glück nicht.

Von Ulrike Nimz

Das Sandmännchen kommt mit dem Speedboot. Natürlich winkt es, und als die Gischt am höchsten schäumt, sagt Deutschlands liebster Zubettbringer: "Der Mantel weht, der Zipfel steht." Spätestens jetzt reibt man sich die Augen - aus dem stummen Sandmännchen ist über Nacht ein frotzelnder Sandmann geworden. In den folgenden eineinhalb Minuten wird er auf ausgesprochen unbeeindruckte Kinder treffen ("Kiek ma n Rentner im Rennboot"), ein Fernsehgerät für eine Mikrowelle halten ("Dit hat mehr als zwei Programme") und fast über die eigenen Schnabelschuhe stolpern. So richtig erwachsen ist das zum Glück alles nicht.

Seit einem dreiviertel Jahr läuft der Sandmann für Erwachsene auf den Social-Media-Kanälen des RBB. Ab Montag strahlt der Sender die 30 Folgen auch im Fernsehen aus, immer werktags, nach 22 Uhr versteht sich. Die Idee zum pädagogisch unkorrekten Abendgruß stammt vom Autor und Radiomoderator Martin "Gotti" Gottschild, der sein Gespür für die Absurditäten des Alltags seit Jahren im Comedy-Duo "Tiere streicheln Menschen" beweist.

Nun leiht er dem Sandmann seine Berliner Schnauze, und zumindest im Osten des Landes dürften dessen maximal dreiminütige Abenteuer den ein oder anderen Kindheitsflashback auslösen. In der DDR war der Sandmann fester Bestandteil der Vorabendroutine, nach der Wiedervereinigung setzte sich das Ost-Sandmännchen dann in ganz Deutschland gegen den Kollegen aus dem Westen durch. Gottschild, in Pankow aufgewachsen, hat vor allem Material aus den Sechziger-, Siebziger- und frühen Achtzigerjahren neu vertont. "Da gab es den größten Detailreichtum, die aufwendigste Orchesteruntermalung."

Gottschilds Lieblingsfolge ist "Lunochod 1" aus dem Jahr 1973: Darin kurvt der Sandmann im gleichnamigen Mondmobil umher und sammelt Gesteinsproben. Dem Drehbuch zufolge beabsichtigten die Schöpfer, "dass durch die Wirklichkeitsnähe klarere Anhaltspunkte und Anregungen zum nachahmenden Spiel des Kindes gegeben sind."

Damit hat es sich in der neuen Fassung erledigt. Der Gotti-Sandmann besucht nicht länger Pionierlager und sozialistische Bruderländer, sondern steht mit Schwaben in der Schlange zur Wohnungsbesichtigung und heuert bei den Hells Angels an. Gottschild verhandelt urbane Albträume wie Gentrifizierung, Feinstaub und die unheimliche Dichte von Bio-Supermärkten. In einer Folge trifft der Sandmann auf Däumelinchen, das so klein geblieben ist, weil es seit frühester Kindheit Kette raucht.

Gelegentlich ist das alles noch zu zahm und öffentlich-rechtlich geraten, und man träumt von einem Sandmann, der mit seinem Pennpuder im Berghain die Party crasht. Aber erstens ist Anpusten in Zeiten von Corona eine schlechte Idee, und zweitens wird in Folge 28 enthüllt, dass das Winkemännlein zur Risikogruppe zählt.

Sein Sandmann sei ein bisschen wie Louis de Funès, gekreuzt mit Snoopy und Terence Hill, sagt Martin Gottschild. "Je nach Tagesform bereitet er den Menschen Freude, Furcht oder aber zumindest Sorge um sein geistiges Wohl." Damit fügt sich der Sandmann für Erwachsene ganz gut ein in die wechselhafte Kulturgeschichte des Traumbringers, die ja nicht nur den knopfäugigen Ziegenbartträger, sondern auch den augenausreißenden Dämon eines E.T.A. Hoffmann umfasst.

Passend dazu wird im Abspann das Sandmannlied von der Berliner Rockband Knorkator neu interpretiert. Im Original von glockenhellen Kinderstimmen getragen, überzeugt es auch im Brüllbariton. Klangverwandtschaften mit Metallicas Enter Sandman sind sicher rein zufällig.

Sandmann für Erwachsene, RBB, 22. 15 Uhr, und auf Youtube.

© SZ
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