Porträt Samuel Finzi:Auf Herz und Niere

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Porträt Samuel Finzi: Einer, der immer alles wissen will: Samuel Finzi eröffnet die 70. Berlinale im Jahr 2020.

Einer, der immer alles wissen will: Samuel Finzi eröffnet die 70. Berlinale im Jahr 2020.

(Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa/dpa-Zentral)

Schauspieler Samuel Finzi ist im Kino zu sehen, im Fernsehen, er spielt Theater und schreibt jetzt an seinem ersten Roman. Begegnung mit einem unermüdlich Suchenden.

Von Egbert Tholl

Das sechste Kapitel hat den schönen Titel "Was haben ein Schaf und ein Attentat gemeinsam?". Darin kommen vor ein Schaf und ein Attentat, die Verbindung zwischen beiden ist vordergründig nicht gegeben, letztlich aber dann doch zwingend. Nun mag es etwas verwunderlich sein, sich einem Schauspieler wie Samuel Finzi über das anzunähern, was er im Verborgenen macht, nämlich einen Roman schreiben, und nicht auf der Bühne oder der Leinwand, wo er eigentlich zu Hause ist und ihn viele Menschen anschauen. Aber das hat schon seine Richtigkeit.

Das Gespräch mit Samuel Finzi, 56, findet am Tag nach der Kinopremiere von Risiken und Nebenwirkungen statt. In dem Film von Michael Kreihsl spielt Finzi einen Architekten, der sehr am eigenen Erfolg interessiert ist, wobei ihm allerdings eine Niere in die Quere kommt. Diese braucht seine Frau, er wäre der ideale Spender, doch will er so ohne Weiteres das Organ nicht hergeben. Es entspinnt sich in der Folge ein Beziehungskuddelmuddel, in das auch ein befreundetes Paar involviert ist, ein paar Unternehmungen abseits der jeweiligen Beziehungen kommen ans Licht, während die Niere herumwandert und schließlich doch nicht gebraucht wird. Ja, ist lustig. Vor allem deshalb, weil man allen Beteiligten gerne zuschaut. Abgedreht war der Film bereits Ende 2019, vor Corona.

Nun also sitzt Finzi einem im Laptop gegenüber, gar nicht so verwuschelt, wie man es an einem Vormittag nach einer Kinopremiere vermuten könnte. Dieser Begegnung wohnt von Anfang an ein Zauber inne, der einen vergessen lässt, dass man hier ein Interview führen soll. Vielmehr kommt man auf den Gedanken, sich sofort mit Finzi auf einen längeren Kneipenabend zu verabreden. Samuel Finzi ist ein Mensch, den man in der Nähe haben will.

So ist das Gespräch unter utilitaristischen Aspekten zunächst auch wunderbar nutzlos. Dabei gäbe es viel zu besprechen. Gar nicht nur das, was schon oft erzählt wurde, das Aufwachsen in Bulgarien, die Flucht aus der Enge der Heimat zunächst nach Paris, dann nach Berlin, die Theaterarbeit vor allem mit dem Regisseur Dimiter Gotscheff, mit dem Schauspielkollegen Wolfram Koch, die prägenden Abende an der Berliner Volksbühne oder am Deutschen Theater. Dort läuft immer noch der Tour-de-Force-Abend "Kommt ein Pferd in die Bar" nach dem Roman von David Grossman, der 2018 bei den Salzburger Festspielen herauskam. Und dann ist da das Drehen natürlich, Finzi in Til-Schweiger-Filmen, Finzi als Kriminalpsychologe Flemming, als Allmens alleskönnender Butler in den Verfilmungen der Martin-Suter-Geschichten, nur so als kleine Auswahl.

Porträt Samuel Finzi: Risiken und Nebenwirkungen: Arnold (Finzi) will seiner Frau Kathrin nicht so gern eine Niere spenden - Freundin Diana (Pia Hierzegger) wundert sich, dass ihr eigener Mann hingegen sofort bereit wäre, Kathrin zu helfen.

Risiken und Nebenwirkungen: Arnold (Finzi) will seiner Frau Kathrin nicht so gern eine Niere spenden - Freundin Diana (Pia Hierzegger) wundert sich, dass ihr eigener Mann hingegen sofort bereit wäre, Kathrin zu helfen.

(Foto: Petro Domenigg)

Finzi aber fragt sich viel mehr, worüber man heutzutage eigentlich etwas erzählen will. "Ich weiß nicht, was das für eine Zeit ist, in der wir leben." Corona, die Zwangspause im Beruf, die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Entwicklung. Nein, gelitten habe er zwar nicht, wie viele andere Kollegen. Aber da er alles, was ihn umtreibt, "durch das Prisma des Berufs" ziehe, dass für ihn, als "Homo ludens" Leben und Beruf eins seien, dringe die Außenwelt permanent auch in sein beruflichen Tun hinein. Und jetzt noch der Krieg. "Ich bin ja in einem System aufgewachsen, das ein besonderes Verhältnis zu dem Aggressor hatte." Finzis Kinder werden bald elf und 15, "ich mache mir selber mehr Sorgen um sie als sie um sich selbst". Aber darin liegt auch eine Hoffnung.

Jüdische Themen? Eher Zufall, ihn interessieren die Geschichten

Derzeit hat Finzi neben Theater und dem oben erwähnten Film im Angebot: die Serie Das Haus der Träume über ein jüdisches Kaufhaus im Berlin der Zwanzigerjahre, die am 27. Juni Premiere beim Münchner Filmfest hat; den Roman, an dem er schreibt, der noch keinen Titel hat und im Frühjahr nächsten Jahres herauskommen soll; den Podcast "Biografie": In 24 Tagen im Studio hat Finzi da den Roman seines Freundes Maxim Biller eingelesen, zu hören bei SWR 2, ein flirrendes, weltumspannendes Personenpanoptikum.

Biller, Grossman, die Serie, in der Finzi einen Kaufmann spielt, der durch eine Investition ins Kaufhaus des Kollegen gesellschaftlich aufsteigen will, irgendwann muss die Frage nach dem Jüdischsein kommen. Samuel Finzi versteht das. Aber: Ihn interessieren die Menschen in den Geschichten. Die Abgrenzung, dass es sich dabei um Charaktere mit jüdischen Hintergrund handeln kann, mag er nicht. Ja gut, vielleicht gebe es so etwas wie einen jüdischen Humor, stets gepaart mit Ironie, sich selbst gegenüber und auch gegenüber dem Rest der Welt. Und tatsächlich ist es ja so, dass die Figuren bei Biller oder der gescheiterte Komiker im "Pferd in der Bar" vor allem eines tun: leben. Finzi: "Das Leben kann man sich nicht vorrechnen, man lebt es."

Oder schreibt es eben auf. Wobei man bitte beachten müsse: Er sei kein Intellektueller. Er sei Schauspieler, und Schauspieler seien Spieler. Nun ja, Spieler auch mit Worten. Schuld an dem Buch, das noch keinen Namen hat - "Samuels Buch" wäre doch sehr hübsch -, ist Maxim Biller. Samuel Finzi schrieb einmal, drei Jahre nach dessen Tod, einen Geburtstagstext an Dimiter Gotscheff. Eine Art Brief, veröffentlicht in der Zeit, ein Stück Literatur (sorry, Herr Finzi!). Biller las das, rief an, überredete Finzi zum Schreiben.

Wie der Roman heißen soll, ist noch unklar

Nach dem einen Kapitel mit dem Schaf, das Finzi zum Lesen geschickt hat, kann man sicher sein, dass er vieles von dem, was ihn umtreibt, hier aufschreiben wird. Das Hadern etwa mit den politischen Entwicklungen in seiner Heimat - "jedes Volk verdient die Regierung, die es hat": Es gebe keine Zivilgesellschaft, jeder denke an sein eigenes Wohlergehen, er kenne kein Land, dass so stolz sei auf sein Sklaventum wie Bulgarien. Erst Teil des Osmanisches Reichs, dann kamen 1944 die Russen, führten sich auf wie in Berlin 1945. Kaum gab es mal einen progressiven Regierungschef, sei der niedergemacht worden. Finzi hat noch eine Wohnung in Sofia, die Dielenbretter stammen aus dem Theater seines Vaters, eines berühmten Schauspielers; vor knapp zehn Jahren ging er auch mal zum Demonstrieren dorthin, gegen die Korruption. Seit 2008 spielt er sein Nikolai-Gogol-Solo "Tagebuch eines Wahnsinnigen" am Deutschen Theater. Der Wahnsinn eines kleinen Beamten - plötzlich sehe er Putin darin.

Nun also das Schaf. Das Kapitel ist eine Erinnerung, erdacht mit weitem Abstand. Als Samuel fünf oder sechs Jahre alt war, reiste die Familie wie so oft ans Schwarze Meer. Doch es gab keine Flüge mehr, Samuels Vater traf am Flughafen einen ehemaligen Beleuchter aus dem Theater, der nun bei Balkan Airlines arbeitete. Sergej machte den Flug möglich. Im Urlaub entdeckte Samuel hinter dem Haus ein Schaf, wollte auf diesem reiten, das Schaf wollte das nicht und rannte davon. Viele Jahre später sah Samuel Finzi dann Sergej im Fernsehen. Er war verhaftet worden als schwarzes Schaf, das dem Wolf Mehmet Ali Ağca zu Diensten gewesen war bei dessen Attentat auf Papst Johannes Paul II. Sergej, der nette Mann vom Flughafen, war verstrickt in Geheimdienst- und Terrororganisationen. Deshalb haben ein Schaf und ein Attentat viel miteinander zu tun. Und: Es ist alles wahr.

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