Serie "Haus der Träume":Einmal ein Glanz sein

Lesezeit: 2 min

Serie "Haus der Träume": Nina Kunzendorf als Alice Grünberg, Gattin des Kaufhausgründers Arthur. Der blonde Hinterkopf rechts gehört zu Valery Tscheplanowa, Geschäftsführerin und Rivalin in Liebesdingen.

Nina Kunzendorf als Alice Grünberg, Gattin des Kaufhausgründers Arthur. Der blonde Hinterkopf rechts gehört zu Valery Tscheplanowa, Geschäftsführerin und Rivalin in Liebesdingen.

(Foto: RTL+)

Noch mal Zwanzigerjahre, Berlin, Kaufhaus: Warum Samuel Finzi und Nina Kunzendorf die Serie "Haus der Träume" davor retten, zum tränenseligen Rührstück zu verkommen.

Von Egbert Tholl

Sie kommt immer wieder, zusammen mit ihrer kleinen Tochter. Probiert das Kleid an, in dem sie aussieht wie ein silbernglitzernder Pfau, es steht ihr ausgezeichnet. Sie kann sich das Kleid nicht leisten, lange nicht, aber sie will sich für ein paar Minuten vor dem Spiegel in einem Glanz sehen. Das versteht Vicky, die Verkäuferin, und stets hängt sie das Kleid zurück, wartet auf den nächsten Besuch der rührenden Dame. Bis diese schließlich das Geld zusammenhat und das Kleid kaufen kann.

Es gibt einige solche Szenen im Haus der Träume, zum Glück. Die ersten sechs Folgen der Serie kann man auf RTL+ sehen, sechs weitere werden folgen. Sie handeln vom Kaufhaus Jonass in Berlin, 1928. Das Berlin der Zwanzigerjahre hat offenbar Konjunktur, vielleicht auch die melancholische Sehnsucht nach einer Zeit, in der Kaufhäuser Paläste waren und nicht Ramschbuden wie heute zumeist. Aber: Haus der Träume hat nicht ansatzweise die Sexyness von Babylon Berlin, obwohl dieselbe Produktionsfirma dahintersteht, X-Filme, was man an der opulenten Ausstattung merkt, am Sound, an der Musik. Berlin schaut gut aus, wenn man in Görlitz dreht, das Elend der armen Leute im jüdisch geprägten Scheunenviertel wird mit Lust ausgemalt.

Und: Die Serie hat keineswegs die Coolness von Eldorado KaDeWe, man erfährt auch sehr wenig darüber, was es damals bedeutete, ein Kaufhaus zu führen. Im Kern ist es eine verschmockte Liebesschmonzette um zwei junge Leute, Vicky und Harry, gespielt von Naemi Florez und Ludwig Simon, deren Ausdrucksvarianz kaum ausreicht, um die bislang viereinhalb Stunden interessant zu füllen. Vicky kommt aus Pommern, streift das Rotlichtmilieu, wird Verkäuferin im Jonass und schwanger. Harry ist Sohn des Inhabers, will vom Geld nichts wissen, sondern als Jazzmusiker leben, wird jedoch per Heirat in die Familienpläne zum Erhalt des Kaufhauses eingepasst.

Arthur Grünberg gründet das erste Kreditkaufhaus Europas

Die Geschichte des Kaufhauses ist Historie, Sybil Volks schrieb sie in ihrem Roman "Torstraße 1" auf. Arthur Grünberg, hochdekorierter Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, will das erste Kreditkaufhaus Europas gründen, im Scheunenviertel - öfters sieht man in den Gassenszenen die Volksbühne im Hintergrund -, wo niemand Geld hat. Arthur glaubt, dass "es jedem möglich sein sollte, sich über seine Herkunft zu erheben". Deshalb Haus der Träume.

Sehenswert machen die Serie die vielen kleinen Geschichten neben der juvenilen Egozentrik des Liebespaars und dem dauermagenleidenden Gesichtsausdruck von Alexander Scheer als Arthur. Da sind eben die Kundinnen, der stotternde Kaufhausdetektiv, Vickys so herzliche wie pragmatische Freundin Elsie (gespielt von der wundervollen Amy Benkenstein), die Geschäftsführerin und Geliebte Arthurs, die Valery Tscheplanowa mit einem grandiosen Geheimnis ausstattet. Und da ist Nina Kunzendorf, die Alice, die Gattin spielt, Mädchenname Jonass - auf deren Familienreichtum gründet Arthurs Idee, die zu scheitern droht, und wie Kunzendorf mit Grandezza in diesem Scheitern agiert, ist fabelhaft.

Das Kaufhaus rettet Carl Goldmann, der einst um Alice buhlte, doch ein toller Jagdflieger macht halt mehr her als ein jüdischer Eisenwarenhändler. Samuel Finzi macht aus seiner Figur einen ganzen Roman. Goldmann hat Geld, aber keine Reputation. Über seine Beteiligung am Jonass will er gesellschaftlich aufsteigen, verkuppelt schließlich seine Tochter, die eher feministisch gesinnt ist und sich mehr für Frauen interessiert, mit Harry. Wie Finzi das spielt, die Sehnsucht, jemand sein zu wollen, die Menschlichkeit, die ihm dabei eigentlich im Weg steht, das allein lohnt, dass man sich Haus der Träume anschaut. Dank Finzi und auch Kunzendorf kriegt man ein Gefühl, was Jüdischsein im Berlin der Zwanzigerjahre bedeutet hat. Antisemitismus blenden dagegen Sherry Hormann (Regie) und Conni Lubek (Hauptautorin) weitgehend aus. Kein Nazi taucht in den ersten sechs Folgen auf. Würde ja nur die Liebesgeschichte(n) stören.

Haus der Träume, bei RTL+

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