Fischskandal in Island:Unter Verdacht

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Fischskandal in Island: Fischzuchtanlage der Firma Samherji an der Küste der Halbinsel Reykjanes: Über die Geschäfte des Konzerns gab 2019 ein Whistleblower Auskunft.

Fischzuchtanlage der Firma Samherji an der Küste der Halbinsel Reykjanes: Über die Geschäfte des Konzerns gab 2019 ein Whistleblower Auskunft.

(Foto: imago/Seeliger)

Vier Journalisten haben Schockierendes über einen der größten Korruptionsskandale Islands berichtet. Jetzt geraten sie selbst ins Visier.

Von Kai Strittmatter

Und alles wegen der Makrelen. Als im März vergangenen Jahres das Nachrichtenportal Kjarninn von "500 Tagen Krieg" gegen Islands Journalisten sprach, da konnte keiner ahnen, welche Schlachten noch folgen würden.

Fisch ist nicht nur Fisch in Island. Fisch ist der Quell von Reichtum und Macht. Und wer sich mit denen anlegt, die an der Quelle sitzen, der bekommt die Macht zu spüren. "Wenn du mir einen Roman gezeigt hättest mit all den Dingen, die wir aufgedeckt haben", sagt der Journalist Aðalsteinn Kjartansson, "ich hätte dich ausgelacht und gesagt: nie im Leben!"

Der Anruf erreichte ihn letzten Montag. Kjartansson, Reporter beim Nachrichtenportal Stundin in Reykjavik, bahnte sich gerade seinen Weg durch dichten Schneefall, um seinen Sohn vom Kindergarten abzuholen, als sein Handy klingelte. Es war die Polizei des Ortes Akureyri in Nordisland. Eine Beamtin informierte ihn, er solle sich bereithalten für eine Vernehmung. Es gehe um den Diebstahl von Daten - und er sei ein Verdächtiger. "Ich war perplex", erinnert sich Kjartansson.

Kjartansson ist investigativer Journalist. Er war früher schon vernommen worden: als Zeuge. Aber als Verdächtiger in einem Kriminalfall? Noch nie. Dabei, sagt er, habe er einfach nur seine Arbeit gemacht: recherchiert und berichtet. "Dass sie nun diesen Kurs einschlagen, ist schockierend", sagt er.

Fischskandal in Island: Aðalsteinn Kjartansson, investigativer Reporter beim Nachrichtenportal "Stundin", wird als Verdächtiger in einem Kriminalfall vernommen - eine "gefährliche Botschaft", sagt Transparency International.

Aðalsteinn Kjartansson, investigativer Reporter beim Nachrichtenportal "Stundin", wird als Verdächtiger in einem Kriminalfall vernommen - eine "gefährliche Botschaft", sagt Transparency International.

(Foto: Heiða Helgadóttir)

Kjartansson ist einer von vier Journalisten, die vernommen werden sollen: Reporter der Portale Stundin und Kjarninn, eine Redakteurin des öffentlich-rechtlichen Senders RUV, alle offiziell als Verdächtige einer Straftat, auf die bis zu einem Jahr Gefängnis steht. Es sind Journalisten und Medien, die sich Verdienste erworben hatten in den Recherchen zu einem der größten Korruptionsskandale in der Geschichte Islands.

Dass ihre Recherchen nun kriminalisiert werden sollen, hat nicht nur die Betroffenen selbst schockiert. Das Vorgehen der Polizei sende "eine gefährliche Botschaft" an die Bürger Islands, warnt die Antikorruptionsorganisation Transparency International: Es unterminiere die Pressefreiheit auf der Insel weiter.

Auf der einen Seite der mächtige Konzern, auf der anderen die verarmten Medienhäuser

Im Zentrum des Skandals: die mutmaßlich krummen Geschäfte des Fischereikonzerns Samherji in Namibia, enthüllt Ende 2019 von einem Whistleblower in Zusammenarbeit mit einigen investigativen Journalisten in Island. Samherji ist der mächtigste Fischereikonzern Islands, einer der größten Europas. Samherji hat seinen Sitz in jener Stadt Akureyri, wo nun die Polizei ausschwärmt, um die missliebigen Journalisten zu verhören.

Fishrot: fauliger Fisch. So tauften sie die Affäre, in der es um die Geschäfte Samherjis in Namibia ging und um die Methoden, mit denen der Konzern sich die Fischereirechte in den Makrelengründen dort gesichert hatte. Es ist auch der größte Korruptionsskandal in der Geschichte Namibias. Dort sitzen Minister im Gefängnis; in Island ermitteln die Behörden noch. Die Vorwürfe lauten auf Bestechung, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. In Island wird Samherji-CEO Thorsteinn Mar Baldvinsson als Tatverdächtiger geführt.

Die Firma bestritt nicht nur stets alle Vorwürfe - sie holte auch umgehend zum Gegenschlag aus, und der Erste, der das zu spüren bekam, war der damalige RUV-Reporter Helgi Seljan, der gar über viele Monate hinweg von einem Privatdetektiv bespitzelt wurde. Auf dem Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen ist Island nach dem Samherji-Skandal abgerutscht, steht jetzt auf Rang 16.

Fischskandal in Island: Fischkonzern Samherij führte eine Gruppe von Mitarbeitern, die systematisch gegen Kritiker vorgingen, wie eine Chatmitschrift enthüllt.

Fischkonzern Samherij führte eine Gruppe von Mitarbeitern, die systematisch gegen Kritiker vorgingen, wie eine Chatmitschrift enthüllt.

(Foto: Gestur Gíslason/mauritius images / Alamy Stock Photos)

Eine erstaunliche Wendung erhielt der Fall dann im Frühjahr vergangenen Jahres, als die Portale Stundin und Kjarninn die Existenz eines geheimen Trupps von teils hochrangigen Samherji-Mitarbeitern enthüllte, der sich selbst "Guerilla-Division" nannte. Die veröffentlichten Chat-Mitschriften enthüllten, wie die Samherji-Guerilleros - darunter der Privatdetektiv, aber auch der Chefanwalt des Konzerns - systematisch gegen Kritiker des Unternehmens vorgingen: wie sie das Ausspionieren und die öffentliche Diffamierung von Journalisten, Schriftsteller, Politiker und NGOs planten und orchestrierten. Unter anderem suchten sie die Vorstandswahl des isländischen Journalistenverbands zu manipulieren.

Ein Auszug aus den "Guerilla"-Chats. Ein Samherji-PR-Berater sagt: "Hoffentlich schärft TMB" - gemeint ist der Samherji-CEO - "die Messer und beginnt, Jóhannes" - den Whistleblower - "zu schlachten". Darauf Samherji-Anwalt Arna McClure: "Amen!" Der PR-Mann: "Du bist so blutrünstig." Anwalt Arna McClure: "Hehe ja ich weiß. Ich möchte zustechen, dann herumdrehen und dann Salz in die Wunde streuen."

Die Veröffentlichung der schockierenden Chatprotokolle wird den Journalisten jetzt zur Last gelegt

Das Entsetzen in Island war groß nach der Veröffentlichung der Schattenoperationen: ein reicher Konzern, der im Dunkeln Feldzüge gegen Medien und Zivilgesellschaft plante. Selbst die in Sachen Samherji sonst auffallend schweigsame Premierministerin Katrín Jakobsdóttir nannte das "völlig inakzeptabel für eine demokratische Gesellschaft". Ende Mai entschuldigte sich das Unternehmen erstmals: Man sei "zu weit gegangen".

Und doch ist es die Veröffentlichung eben dieser Dokumente, für die die vier Journalisten nun vorgeladen werden. "Niemand hat je auch nur eine unserer Fakten widerlegt oder eine Korrektur verlangt", sagt Stundin-Journalist Aðalsteinn Kjartansson. Die Polizei von Samherhjis Heimatort Akureyri will die Journalisten nun jedoch offenbar zwingen, ihre Quelle offenzulegen. Nicht nur der isländische Journalistenverband sieht darin einen Angriff auf Pressefreiheit und Quellenschutz. Das isländische Strafgesetz erlaubt sogar ausdrücklich die Veröffentlichung solcher Daten, wenn sie "im öffentlichen Interesse" liegt.

Transparency International beschuldigt nun die Polizei von Akureyri der "Kriminalisierung von Journalismus" und spricht von "einer bizarren Umkehrung der Prioritäten, wenn man in einem Korruptionsfall von globalen Proportionen ausgerechnet die Bestrafung der Journalisten sucht, die über diese Korruption berichten." Der Fishrot-Whistleblower und ehemalige Samherji-Manager Jóhannes Stefansson - selbst Ziel von Verleumdungskampagnen durch Samherji - sagt, ihn überraschten die Enthüllungen des letzten Jahres nicht: "Ich glaube, Samherji kennt keine Grenzen in seinem Tun." Das Vorgehen der Polizei nun sei aber ein weiteres Warnsignal für Islands Gesellschaft: "Wir schreiten auf einem gefährlichen Pfad."

Kaum einer glaubt, dass es zur Anklage kommen wird. Auch nicht Reporter Aðalsteinn Kjartansson, der am Montag vernommen wird. Aber das sei gar nicht der Punkt, meint Kjartansson. Island erlebe einen erbitterten Kampf zwischen öffentlichem Interesse und den Partikularinteressen reicher Konzerne: "Auf der einen Seite hast du eine Firma mit fast unendlichen Ressourcen für ihre Zermürbungsfeldzüge", sagt er. "Und auf der anderen Seite schlecht bezahlte Journalisten und unterfinanzierte Medienhäuser".

Das Ziel sei schlicht Einschüchterung von Journalisten und Verlegern, glaubt Kjartansson. "Und ich fürchte, den Abschreckungseffekt gibt es tatsächlich."

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