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"Anne Will" zu Arbeitsüberlastung:Mehr psychische Störungen

Daneben sitzt Thomas de Maizière, früherer Verteidigungs- und Innenminister von der CDU. Er erweist wie alle im Raum Sahra Wagenknecht seinen Respekt für deren Einblicke. Hat aber auch eine Durchhalte-Botschaft dabei: "Es gibt Situationen, da muss alles andere zurückstehen, es sei denn, es ist wirklich zu schlimm." De Maizière hatte während der Flüchtlingskrise im September 2015 eine schwere Bronchitis, 40 Grad Fieber, dennoch machte er erst einmal weiter.

Er habe sich aufgerappelt, "weil halt die Aufgabe im Vordergrund stand". Nicht selten werden solche Anekdoten später zur Heldentat verklärt. Der Mann hat standgehalten, halb krank, pflichtbewusst im Dienste des Landes. Als de Maizière sich dann in Spanien erholte, schrieb die Bild-Zeitung gleich einen bösen Kommentar (für den sie sich später entschuldigte).

Ist das nun das Holz, aus dem deutsche Arbeiter geschnitzt sein sollen? Bei Anne Will werden Zahlen vorgestellt: Die Krankheitstage wegen psychischer Störungen haben sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Zahl der Krankheitstage wegen Burn-out verdreifacht. Das liegt einerseits daran, dass die Diagnose häufiger gestellt wird, und das Thema aus dem Tabubereich geholt wurde. Andererseits steigt die Arbeitsbelastung in vielen Berufen, zum Beispiel in der Pflege.

Wer dachte, mit Sahra Wagenknecht zieht sich die einzige linkspolitische Persönlichkeit zurück, der irrt. In der Sendung sitzt bereits ein Nachfolger: Alexander Jorde, angehender Krankenpfleger. Im September 2017 brachte er Kanzlerin Angela Merkel in einer Live-Sendung arg in Verlegenheit, weil er sie für die Missstände in der Pflege kritisierte. Diesmal attackiert er CDU-Mann de Maizière und die ebenfalls anwesende FDP-Frau Katja Suding. Während die von einem überregulierten Arbeitsmarkt (de Maizière) und Entlastung durch Digitalisierung (Suding) sprechen, veranschaulicht Jorde die Probleme im Alltag.

Gewinne im Gesundheitssystem sind ein Fehlanreiz

"In der Pflege ist es möglich, zwölf Tage am Stück zu arbeiten und zwischen allen drei Schichttypen hin und her zu wechseln", erzählt er. In seinem Tarifvertrag sei es möglich, bis 21 Uhr zu arbeiten und am nächsten Morgen um sechs Uhr wieder zu beginnen. Man müsse sich dann noch umziehen, nach Hause fahren, viele haben Kinder, Familie. Einige Kollegen würden während einer Schicht bis zu zehn Kilometer gehen, dazu komme der psychische Stress durch die Verantwortung für Menschenleben. Es sei dann programmiert, dass fast jeder Dritte im Pflegebereich gefährdet sei, einen Burn-out zu erleiden.

Als Suding die Privatisierung von Krankenhäusern und Pflegeheimen verteidigt, kommt wieder Jorde mit Konkretem: Das Unternehmen Fresenius habe einmal eine spanische Klinikkette übernommen, dann habe der Vorsitzende von Fresenius gesagt: In Spanien liegen Patienten durchschnittlich vier Tage im Krankenhaus, in Deutschland sechs, man müsse effizienter werden und auch an die vier Tage rankommen.

Auswirkung: "Wir müssen viel mehr Dinge in viel kürzerer Zeit machen, damit der Patient früher das Krankenhaus verlässt. Die Arbeitsbelastung steigt um ein Vielfaches. Das ist einzig allein zurückzuführen auf die Privatisierung und den Kostendruck auf die Häuser", beklagt Jorde. Er macht den Unternehmen aber nicht einmal einen Vorwurf. Ein solches könnte nur bestehen, wenn es Gewinne macht. Das sei aber im Gesundheitssystem ein Fehlanreiz.

Jorde ist zuletzt in die SPD eingetreten. Ob der Politikbetrieb was für ihn wäre? Er schnauft tief durch. "Wenn es irgendwann so ist, dass es passt und sich eine Chance ergibt, dann würde ich vielleicht 'Ja' sagen." Er fürchte aber den Druck, die Anfragen von Bürgern und Medien, das viele Engagement in der Freizeit. Sahra Wagenknecht hätte vielleicht ein paar Tipps für ihn, damit umzugehen.

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