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"Anne Will" zu Arbeitsüberlastung:Die Menschwerdung der Sahra Wagenknecht

Anne Will; Sahra Wagenknecht bei Anne Will, 17.03.2019

Sahra Wagenknecht (Mi.) bei Anne Will (li.).

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)
  • Sahra Wagenknecht zieht sich wegen Überlastung aus der Politik zurück.
  • In der Talksendung "Anne Will" gibt die Linken-Politikerin Einblicke in ihr Seelenleben.
  • Wie man Leute von der CDU und FDP fachgerecht auseinandernimmt, zeigt dabei ein anderer.

Äußerlich ist alles unverändert. Sahra Wagenknecht hat sich ihre Uniform angelegt: Hochgesteckte Haare, perfekte Schminke, baumelnde Ohrringe, schwere Kette. Jackett und Dreiviertelrock in gleicher Farbe, diesmal Gelb wie ein Rapsfeld. Dazu Schuhe mit mittelhohen Absätzen. So tritt die Linke seit Jahren auf, der Stil wirkt wie ein Panzer gegen das Unbill dieser Welt. Dazu der gerade Rücken, der lange Hals, die sichere Stimmlage - Sahra Wagenknecht wirkte immer unverwundbar. Bis jetzt.

An diesem Abend ist sie Gast bei Anne Will, das Thema ist auf sie zugeschnitten: "Zwischen Höchstleistung und Überlastung - wann macht Arbeit krank?" Wagenknecht hat ihr Engagement in der Bewegung "Aufstehen" beendet und angekündigt, ihren Fraktionsvorsitz im Bundestag bei den Linken aufzugeben. Nun sitzt diese Statue von einer Frau am Sonntagabend im Crème-Sessel bei Anne Will und berichtet von ihrer Verletzlichkeit. Es menschelt im Polittalk.

"Ich hab' einfach gemerkt, dass ich gesundheitlich einen bestimmten Dauerstress nicht mehr durchhalte und dann meine Konsequenzen gezogen", sagt sie. Sie sei 2017 häufiger krank gewesen, nun ganze zwei Monate ausgefallen. Ohne genauer auf ihren Zustand einzugehen, erklärt Wagenknecht: "Man schiebt das immer weiter raus. Lange Zeit geht es irgendwie immer noch. Wahrscheinlich ist das der Adrenalinspiegel, der einem dabei hilft, dass man in Momenten wieder normal funktioniert. Aber es wird immer schwieriger."

Sie beschreibt ihr Abgleiten in einen chronischen Stresszustand, auch Burn-out genannt. Zwei Monate war sie zu Hause, krankgeschrieben. Und fasste den Entschluss: "So kann und möchte ich nicht weitermachen." So etwas möchte sie nicht noch einmal erleben.

Wagenknecht polarisiert mit ihren sehr linkspolitischen Ansichten

Ein Rückzug aus der Politik wegen Überlastung ist sehr ungewöhnlich. Vielleicht kommt es häufiger vor als man denkt - dann hört allerdings kaum davon. Sahra Wagenknecht hat sich entschlossen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Vielleicht auch deshalb, weil die internen Grabenkämpfe bei den Linken zuvor auch öffentlich waren, die Angriffe gegen sie inklusive. Doch sie erklärt, sie wolle nicht gegen ihre parteiinternen Kritiker nachtreten. Lieber weitet sie den Blick: "Ich würde mir wünschen, dass Politik anders funktioniert, mit einer stärkeren Gemeinsamkeit in den Parteien." Aber da sei die Linke kein Einzelfall.

Die ersten zehn Sendeminuten spricht nur Wagenknecht. Die Stimme ist bisweilen ungewöhnlich dünn, manchmal fast brüchig. Die 49-Jährige polarisiert mit ihren sehr linkspolitischen Ansichten wie kaum jemand im deutschen Politikbetrieb. Zwischen großer Zuneigung und großem Hass gibt es wenig, sie musste viel aushalten in den vergangenen Jahren. Zum Beispiel eine Tortenattacke auf dem eigenen Parteitag.

Und dennoch hätte wohl niemand daran gedacht, dass es ausgerechnet bei Sahra Wagenknecht zum Riss kommt - und sie diesen Riss auch noch Millionen TV-Zuschauern als Sonntagabend-Unterhaltung in die Wohnzimmer schickt. Es dürfte nicht verwundern, wenn das Outing ihre Sympathiewerte erheblich steigern wird. Sahra Wagenknecht macht eine Art Menschwerdung durch.

Und der Mensch Wagenknecht will nun abtreten von der Front. Auch wenn sie noch in der Sendung zurückrudert, den Rücken gerade macht und die Zustände in der Gesellschaft anprangert. Denn nicht alle hätten wie sie die Möglichkeit, einfach kürzer zu treten, wenn es nicht mehr geht. Da sei sie als betuchte Politikerin privilegiert. "Wir müssen darüber diskutieren: Was wollen wir eigentlich für eine Gesellschaft sein? Ist der Mensch für die Wirtschaft da oder die Wirtschaft für den Menschen?" Da ist Sahra Wagenknecht wieder in ihrem Element.