Süddeutsche Zeitung

Sabine Töpperwien im Ruhestand:Da muss man kein Wurstfan sein

Die Livereporterin und WDR-2-Sportchefin Sabine Töpperwien ist einfach nicht mehr da: Von ihrem ersten Bundesligaspiel hatte sie 1989 berichtet - und den Radio-Journalismus geprägt wie wenig andere.

Von Holger Gertz

So eine Bundesliga-Konferenz am Samstag im Radio ist immer noch eine erstaunlich beständige Angelegenheit. Noch immer finden viele Spiele samstags um halb vier statt, noch immer werden Lieder aus dem vergangenen Jahrtausend gespielt, am Samstag lief bei WDR 2 zum Warmmachen "Let's dance" von David Bowie, der Song ist von 1983, also aus jenem Jahr, in dem ein gewisser HSV den Cup der Landesmeister gewann - 1983 ist sehr lange her. Und in den Werbeeinblendungen gibt's was auf die Hand: "Die dicke Sauerländer Bockwurst von Metten präsentiert WDR 2 Liga live." Da muss man kein Wurstfan sein, um den Slogan heimelig und warm zu finden - jedenfalls im Vergleich zur Werbung im Fernsehen bei Sky, wo sie einem mit einem schmierbackigen Sportwetten-Fan namens Benny Fuchs auf die Nerven fallen, der immer drei-zu-eins tippt. Benny Fuchs ist weiß Gott eine der größten Hassfiguren des Gegenwartsfernsehens.

Im Radio aber ist in der Bundesliga-Konferenz an diesem Samstag etwas dann doch nicht wie immer. Sabine Töpperwien ruft nicht mehr "Toooor in Leverkusen", am Donnerstag hatte der WDR bekannt gegeben, dass sie vorzeitig in den Ruhestand gegangen ist, chronische Schmerzen in den Armen als Folge der so intensiv gewordenen Computerarbeit in der Redaktion. Die Livereporterin und WDR-2-Sportchefin Sabine Töpperwien ist einfach nicht mehr da, nach all diesen Jahren: Von ihrem ersten Bundesligaspiel hatte sie, als erste Frau, 1989 berichtet. 1989 ist auch sehr lange her.

Wer immer da war, der fehlt. Töpperwiens Stimmklang hat sich ins Gedächtnis des Zuhörers eingebrannt, das merkt er, wenn der Verkehrsfunk sich gewohnt prosaisch in die Bundesligakonferenz einschaltet. "A3 Köln Richtung Oberhausen, zwischen Solingen und Kreuz Hilden, zwei Kilometer stockend." Sabines Töpperwiens Redefluss war nie stockend, manchmal etwas schrill, aber die Livekommentatorin muss sich durchsetzen gegen die Livekommentatoren auf den anderen Plätzen, da verrutscht schon mal die Bildsprache. "Da ärgert er sich wie ein Schneekönig!" hat sie mal gerufen, aber bitte: das kann passieren.

Dass es Bundesliga-Konferenz heißt, ist ein Witz - Konferenz klingt abgehangen bürokratisch, in echt ist diese Konferenz hektisch und herausfordernd unvorhersehbar. Töpperwien und ihre Kollegen und Kolleginnen sind Künstler, wenn sie versuchen, blitzschnell das Gewusel auf dem Platz in Sprache zu übersetzen, für ein Publikum, das nichts davon sieht. Und alle Spielernamen draufhaben, die so klingen wie Spezialitäten aus dem Likörregal. Aus Leverkusen berichtet an diesem Samstag Burkhard Hupe, er sagt: "Leverkusen setzt nach, diesmal über die rechte Seite, mit Bailey in den Strafraum hinein, wird vom ersten hart bedrängt, vom zweiten auch, aber Bailey behauptet die Kugel, spielt dann auf Diaby, der könnte schießen, wird geblockt von Lacroix." Und irgendwann gibt Hupe dann weiter, nach Freiburg, wo die SWR-Livereporterin Julia Metzner übernimmt.

Die HR-Livereporterin Martina Knief kommentierte 2018 erstmals im Radio ein Männer-Länderspiel. Dass auch Frauen vom Platz berichten, ist im Öffentlich-Rechtlichen inzwischen halbwegs selbstverständlich, in der scheinbar knallbunten, tatsächlich aber schwarz-weißen und komplett vorvorgestrigen Sportwelt der Privaten übrigens nicht: keine Live-Kommentatorin bei Sky. Und wann sitzt denn mal eine Expertin im Doppelpass?

Wenn also Sabine Töpperwien nicht mehr in der Bundesligakonferenz auftaucht, ist sie trotzdem noch da. Als Pionierin. Sie hat den anderen eine Schneise freigeschlagen, an ihr haben sich die Platzhirsche abreagiert (Otto Rehhagel, seines Zeichens Otto der Große beziehungsweise Rehhakles: "Sie haben doch noch nie den Schweiß einer Kabine gerochen.") Aber sie ist nicht bitter geworden unter dem Druck dieser und anderer Unverschämtheiten. Nicht bitter werden, ist eine große Lebensleistung.

Es war der legendäre Reporter, Moderator und Sportkenner Hanns Joachim Friedrichs, der schon 1994 in seinem Buch "Journalistenleben" der Kollegin Töpperwien ein Kapitel gewidmet hat, es heißt "Eine Kabine für Sabine" und endet so: "Frauen treiben nicht nur, was Jahrzehnte reiner Männersport war - sie schreiben und reden auch drüber. Den Männern wird nichts anderes übrig bleiben, als ihre alten Gewohnheiten allmählich durch neue zu ersetzen. Es ist eine Frage der Zeit. Und bis dahin klettert Sabine Töpperwien hoffentlich regelmäßig in die Sprecherkabine auf dem Bökelberg oder im Ruhrstadion."

Genauso hat sie es gemacht. Und am Samstag haben, ihr zu Ehren, die hochtalentierten und wankelmütigen Helden der Werkself mal wieder konsequent danebengeschossen. Ohne Sabine Töpperwien: Kein Tor für Leverkusen.

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