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RTL-Serie "Deutschland 83":Auf die deutsch-deutsche Geschichte gepinselt

Man könnte die Tatsache, dass Deutschland 83 von einer Amerikanerin geschrieben wurde, jetzt natürlich leicht als Indiz dafür werten, dass die Deutschen das mit den guten Serien alleine eben doch nicht hinkriegen, und in gewisser Hinsicht ist da sogar was dran: Anna Winger, die Amerikanerin, hat sich ihrem europäischen Stoff vollkommen unverkrampft genähert. Es war ihr ausreichend egal, ob ihr Drehbuch allen historischen Überprüfungen standhalten kann. Sie sagt, sie habe versucht, "ein eigenes Universum zu bauen"; die realen Ereignisse seien die Wände, "aber am Ende soll das Ganze eine Geschichte sein, die von den Figuren getrieben wird. Wir lassen sie frei."

Das mag sich banal anhören, aber tatsächlich ist die ganz große Stärke von Deutschland 83 die Leichtigkeit, mit der Anna Winger ihre frei erfundene Geschichte auf die Folie der deutsch-deutschen Geschichte gepinselt hat. Man erinnere sich nur mal an die Diskussionen damals, als die ARD 2010 die erste Staffel der besonders zu Beginn wirklich großartigen DDR-Serie Weissensee zeigte, und das deutsche Publikum mal wieder nichts besseres zu tun hatte, als die historische Korrektheit von Handlung und Einrichtung zu diskutieren. So wird zwar alles volkshochschultauglich, aber es wird schwierig mit dem wuchtigen deutschen Fernsehdrama.

Deutschland 83 aber hat keinen Lehrauftrag, Anna Winger sagt, sie wolle "keinen Geschichtsunterricht geben, sondern eine gute Geschichte erzählen". Ihre Serie ist buntes Popcornfernsehen, spannend, brutal, unterhaltsam. Die historische Folie ist nicht ganz unkompliziert, aber trotzdem ist die Story immer orientiert an ihrem Zielpublikum bei RTL. Denn was Deutschland 83 ganz bestimmt nicht ist: die deutsche Antwort auf die amerikanischen Fernsehromane Breaking Bad und The Wire, auf das große Intellektuellen-Fernsehen. Oder, wie die New York Times schrieb, und was natürlich noch ein bisschen charmanter klingt: Sie ist nicht so aufgepumpt.

Der Kalte Krieg, die DDR - darauf stehen sie nun einmal in den USA

Deutschland 83 ist eine gelungene deutsche Serie, aber dass man sie so einfach nach Amerika verkaufen konnte, hat sicher auch mit ihrer Thematik zu tun: Der Kalte Krieg, die DDR, das sind Dinge, auf die stehen sie nun einmal in den USA. Und ganz wird man den Verdacht nicht los, die amerikanische Begeisterung für die Abenteuer des Spions Martin Rauch könnte auch damit zu tun haben, dass die Ostdeutschen und die Sowjets in dieser Geschichte schlussendlich dann doch die deutlich größeren Hornochsen sind als ihre Gegenspieler auf der anderen Seite der Mauer.

Bleibt also die Frage nach dem heimischen Interesse an diesem deutschen Exportschlager, denn von der RTL-Quote wird abhängen, ob Anna Winger ihre Geschichte des DDR-Spions im Westen weitererzählen kann. Die erste Staffel zumindest endet ausreichend verwirrend für weiteren erzählerischen Klärungsbedarf. Und bis zur Wiedervereinigung bleiben ja noch sieben Jahre.

Deutschland 83, RTL, in Doppelfolgen, donnerstags, 20.15 Uhr.

© SZ vom 26.11.2015/jobr
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