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RTL:Frischer Anstrich mit alten Showgrößen

Collage Medien, neue alte Gesichter bei RTL

Frisch bei RTL: Jan Hofer, Uli Hoeneß (kurz), Hape Kerkeling und Thomas Gottschalk.

(Foto: Sven Simon/imago, Peter Kneffel/dpa, Ursula Düren/dpa, Joshua Sammer/Getty Images/SZ-Collage)

RTL gilt eigentlich als Sender für junge Menschen - und setzt jetzt ausgerechnet auf Jan Hofer und Hape Kerkeling. Was ist da los?

Von Aurelie von Blazekovic

Irgendwann in der zweiten Corona-Welle war Jan Hofer noch der verlässliche, seriöse Chefsprecher der Tagesschau. Das ist gefühlt eine halbe Ewigkeit her. Inzwischen wirbelt er gut gelaunt bei RTL durch die Tanzshow Let's Dance, in den Sozialen Netzwerken wird er gefeiert. Da hat der Privatsender einen gewonnen, der sich spät und auf beeindruckende Art und Weise neu erfindet, und der alles hat, was ein gutes Fernsehgesicht braucht: Von jung bis alt kennt und mag man Hofer in Deutschland, egal ob als Influencer auf seinem Instragramkanal oder als vertrauten Nachrichtenmann.

Und es sieht ganz so aus, als bliebe es nicht beim Tanzausflug zu RTL. Ende März wurde bekannt, dass Jan Hofer, 69, der sich im Dezember nach 35 Jahren bei der Tagesschau eigentlich in den Ruhestand verabschiedet hatte, ein eigenes Nachrichtenformat bei RTL bekommen wird. Das könnte einem erst mal komisch vorkommen, ist RTL doch der Sender der Jungen. Flirt- und Talentshows, viele Promis, knallbunte Formate, Remmidemmi.

Interessanterweise ist Hofer nicht der Einzige aus der älteren Fernsehriege, die RTL angeworben hat. Hape Kerkeling, 56, kehrt nach acht Jahren Fernsehabwesenheit zurück vor die Kamera - nicht wieder im ZDF, wo er zuletzt moderiert hatte, sondern unter anderem als Hauptdarsteller einer Serie bei RTL. Dann ist da Thomas Gottschalk, 70, der Dieter Bohlen im Halbfinale und Finale von DSDS ersetzte und auch anderweitig durch das Programm geistert. Und zwischendurch auch mal einer, der bisher zwar kein Show-Titan war, aber einer aus dem Fußball: Uli Hoeneß, 69, hatte drei Auftritte als Fußball-Experte.

"RTL scheint zu realisieren, dass es vergebene Liebesmühe ist, das lineare Fernsehen zu verjüngen."

Während viele Medienhäuser gerade versuchen, sich jünger und vielfältiger aufzustellen, setzt RTL hier also auf Klassiker. Ein frischer Anstrich mit alten Showgrößen? Das passt aber gleich zu mehreren Entwicklungen auf dem privaten Fernsehmarkt.

Wichtiger als das Alter der Herren ist für RTL sicherlich ihre Beliebtheit beim Publikum - und das wird im Fernsehen älter. Gelten seit jeher die 14-49-Jährigen als relevante Werbezielgruppe, so muss man sich eingestehen, dass heute weniger 14-Jährige als 49-Jährige vorm linearen Programm sitzen - und keine Altersgruppe sieht mehr Fernsehen als die über 60-Jährigen. RTL hat seine Hauptwerbezielgruppe schon 2013 auf bis zu 59-Jährige erweitert. Und stellt 2021 die vor die Kameras, die gemeinsam mit dem Publikum gealtert sind.

Bjørn von Rimscha ist Medienökonom von der Universität Mainz. Er sagt: "RTL scheint zu realisieren, dass es vergebene Liebesmüh ist, das lineare Fernsehen zu verjüngen", Junge Zuschauer würden nicht mehr "in großer Zahl nachwachsen". Gut unterhalten wollen die Jungen natürlich immer noch werden, aber eher im Streamingprogramm. RTL steckt deshalb gleichzeitig viel Geld und Mühe in das eigene Portal TV Now, das gegen Ende dieses Jahres in RTL+ umbenannt wird.

Bei all den Innovationsbemühungen im Netz: Die Reichweite im Fernsehprogramm ist noch immer groß. Das Stammpublikum schaltet noch ein, vor allem bei großen und liebgewonnenen Namen wie Kerkeling oder Hofer. Zwar seien ältere Zuschauer nicht absolut wichtiger geworden, sagt Medienökonom Rimscha, "aber Jüngere sind im linearen TV inzwischen so unwichtig, dass die Älteren relativ mehr Relevanz haben".

Vielleicht wichtiger ist aber die Sache mit dem Krawall. Zuletzt war bei RTL der Rauswurf von Dieter Bohlen zu beobachten, nach 18 Jahren Deutschland sucht den Superstar und dem Supertalent. Dass einer geht, der als Herablassung auf zwei Beinen auftritt, und mit Jan Hofer einer kommt, der Freundlichkeit und Seriosität verkörpert, steht für einen größeren Wandel bei RTL. Eine Entwicklung hin zur Seriosität. Es hat auch medienpolitische Gründe, dass ProSieben und RTL ihre journalistische Seite in letzter Zeit betonen. Gleichzeitig verschafft der Imagewandel Vorteile auf dem Werbemarkt. Denn Werber wollen Reichweite, aber bitte ohne Neunzigerjahre-Krawall.

Mehr Guido Maria Kretschmer, Barbara Schöneberger und Hape Kerkeling, weniger Dieter Bohlen

Mit Bezeichnungen wie Brand Safety und Brand Suitability wird in der Werbebranche seit einigen Jahren das Risiko von Marken beschrieben, in aus ihrer Sicht unerwünschten Werbeumfeldern zu landen - ein Risiko, das es zu minimieren gilt. Am liebsten sieht der Werbekunde seinen TV-Spot zwischen positiven, konstruktiven Sendungen. Und genau so freundlich soll RTL im Rahmen seiner internationalen Kampagne unter dem Arbeitstitel "RTL United" werden.

"Wir arbeiten aktuell an der Umsetzung einer umfassenden Repositionierung und Neugestaltung der Marke RTL," verkündete das Medienhaus schon Anfang des Jahres. Man arbeite daran, "die Markenarchitektur innerhalb der gesamten RTL Group zu harmonisieren: national und international, von den Corporate Brands bis hin zu den Sender- und Formatmarken, über alle digitalen Plattformen." Interessanter als die geplante Vereinheitlichung der Logos der vielen Radio- und Fernsehsender in Europa ist das formulierte Selbstverständnis: "Im Mittelpunkt steht eine Marke RTL, die für positive Unterhaltung und unabhängigen Journalismus, Inspiration, Energie und Haltung steht."

RTL Tanzshow 'Let's Dance'

Jan Hofer und Christina Luft bei "Let's Dance" - das junge Publikum bekommt RTL übers Streaming.

(Foto: Andreas Renz/dpa)

Die positive Neuausrichtung von RTL hat auch mit der bevorstehenden Fusion von RTL mit Gruner + Jahr zu tun. Auch dabei sind Figuren mit weniger Konfliktpotential wichtig. Mehr Guido Maria Kretschmer, Barbara Schöneberger und Hape Kerkeling also, weniger Dieter Bohlen. Womöglich bald auch weniger Mario Barth und Oliver Pocher? Der familienfreundliche Kurswechsel geht auch mit einem Führungswechsel im Sender einher. Seit 1. März ist Henning Tewes Geschäftsführer von RTL und TV Now. In einer Pressemitteilung freute er sich über den Zugang von Hape Kerkeling: "Wir erneuern RTL und entwickeln uns als Programm und Marke immer weiter: Umso mehr freue ich mich, dass wir mit Hape Kerkeling einen TV-Star und Entertainer zurückholen, den viele Millionen Fans schon seit Jahren vermisst haben."

Aber am klarsten kommentiert die Sache bisher Dieter Bohlen selbst. In einem Instagram-Video sagte er: "RTL will einfach einen neuen Weg gehen, familienfreundlicher - da hat so ein Revoluzzer, der immer ein bisschen auf die Kacke haut wie ich, eben nichts mehr zu suchen."

© SZ/cag
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