RTL-Doku über Querschnittslähmung "Gelähmt sind wir nur im Kopf"

Dennis Zittlau ist querschnittsgelähmt. In der RTL-Dokumentation "Reset - Zurück ins Leben" will er wieder laufen lernen.

In der RTL-Dokumentation "Reset - Zurück ins Leben" hilft ein Mentalcoach Querschnittsgelähmten dabei, wieder laufen zu lernen. Eigentlich eine gute Idee, würde die Sendung nicht wie eine schwer emotionale Daily Soap daherkommen und der Trainer nicht pausenlos Phrasen von sich geben.

Von Ines Alwardt

Mehr Kitsch geht nicht. Ein Mann marschiert zur Musik von Xavier Naidoo über eine Wiese: "Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer", singt der. Die Kamera zoomt den Mann ran, sein Gang wirkt eckig, ungelenk. Später sagt Markus Holubek: "Bisher hat es noch keinen komplett Querschnittsgelähmten gegeben, der wieder mit dem Laufen angefangen hat - nirgendwo auf der Welt."

Holubek will das ändern. Der Mentaltrainer und Ex-RTL-Journalist ist selbst seit sieben Jahren "inkomplett" querschnittsgelähmt, nicht alle Nerven am Rückenmark sind durchtrennt, aber 95 Prozent. Im ersten Teil der RTL-Doku Reset - Zurück ins Leben begleitet er den 29-Jährigen Dennis Zittlau bei einem Experiment: Der komplett querschnittsgelähmte Finanzbeamte will wieder laufen lernen. Eigentlich ein Fall, bei dem Holubek nicht viel Hoffnung macht. Aber genau deswegen ist Zittlau der Richtige für eine RTL-Sendung, die sich zwar Langzeit-Doku nennt, aber im Anstrich einer schwer emotionalen Daily Soap daherkommt.

Coach Markus Holubek, der seine Rumpfmuskulatur so hart trainiert hat, dass er selbst wieder laufen kann, wirkt darin wie ein Guru, der pausenlos Phrasen von sich gibt, die vermutlich nicht alle Zuschauer im Rollstuhl besonders lustig finden: "Du musst wissen, dass du wieder auf die Beine kommst. Du musst wissen, was du dafür machen musst. Du musst wissen, dass das nicht einfach ist - nur das bringt dich auf die Beine." Für jemanden, der ein Leben lang im Rollstuhl sitzen muss, mag das klingen wie der blanke Hohn.

"Das Unmögliche möglich machen - Raus aus dem Rollstuhl, zurück ins Leben!", lautet das Credo der Sendung. Stellt sich die Frage: Ist ein Leben im Rollstuhl laut RTL also gar kein Leben? "Für so manchen Betroffenen sind derartige Formulierungen schon hart an der Kotzgrenze", schreibt das medizinische Informationsportal Der-Querschnitt.de.

Ein einziges Zittern

Nach der Investigativ-Offensive Wallraff deckt auf ist die zweiteilige Doku ein weiterer Versuch von RTL, relevante Themen ins Programm zu bringen - und zumindest das ist geglückt: Etwa 100 000 Menschen in Deutschland sind querschnittsgelähmt, ein Drittel von ihnen komplett, eine für alle wirkungsvolle Therapie gibt es nicht. Wenn Dennis Zittlau als erster komplett querschnittsgelähmter Mensch (sagt RTL) am Ende mit Hilfe spezieller Prothesen und eines implantierten elektrischen Impulsgebers wieder eigene Schritte macht, ist es beeindruckend, ihm dabei zuzusehen.

Nun wäre RTL nicht RTL, wenn der Sender nicht auch diese Dokumentation überemotional anpacken würde. Also wird nachgestellt, wie Zittlau damals im Dunkeln bei der Abschlussparty seines Zivildiensts von einer Dachterasse stürzt. Also wird die Mutter interviewt, die fast zehn Jahre nach dem Unfall noch immer in Tränen ausbricht, wenn sie von dem Unglück erzählt. Und die Schwester, die schluchzt und sagt: "Es ist auch heute noch schlimm."

Manchmal wünscht sich der Zuschauer einfach nur, weniger nah dran zu sein, weil er Dinge sieht und hört, die ihn nichts angehen und die er gar nicht wissen möchte. Zum Beispiel wenn der Freund von Zittlau erzählt, wie er seinen Kumpel nach dem Unfall gefunden hat, wie der Körper da lag - ein einziges Zittern. Was die Sendung an Emotion zu viel hat, hat sie an Information zu wenig; denn die hätte die Doku wirklich sehenswert gemacht. Der Zuschauer erfährt kaum etwas über den Stand der Forschung, andere Symptome der Lähmung oder die Chancen auf Heilung für andere Betroffene.

Stattdessen schlachtet RTL die persönliche Geschichte der Familie aus. Und weil das für 53 Minuten Sendezeit noch nicht reicht, kommt Holubeks Schicksal obendrauf. Der sagt dann auch noch: "Gelähmt sind wir nur im Kopf!" Kein Wunder, dass Menschen, die sich wohl damit auskennen, im Netz antworten: "Gelähmt sind wir nicht nur im Kopf. Gelähmt sind wir von der Läsionshöhe abwärts."

"Reset - Zurück ins Leben", 25. Mai und 1. Juni jeweils um 19.05 Uhr, RTL